Neues Deutschland, alte Leier

Linke mögen es überhaupt nicht, wenn man in ihrem Territorium herumstochert, schließlich definieren sie sich über die Kritik an gesellschaftlichen Missständen und sind somit auf der guten Seite. Linke Strömungen und die moralisch-humanistische Grundlage ihres Selbstverständnisses, ein paar geschichtliche Abstürze auf die Täterseite einmal abgesehen, konnten sich sehr lange Zeit abkapseln in mehr oder weniger sektenhaften Politdiskursen, denn „hinter“ den Linken, mit Ausnahmen der Postmarxisten (pun intended) kam nichts mehr, da waren dann moralisch die Religion, und die hat sich seit der Säkularisierung gefälligst aus der Politik heraus zu halten und war, wenn überhaupt im konservativen, politischen Gegner verortet.

Linke Kräfte hatten also ihr ureigenstes Territorium und lebteln glücklich und zufrieden so vor sich hin, bis, ja bis eines unheilvollen Tages eine Bewegung auf dem Radar erschien, die sich, nicht still und heimlich, aber stets verdrängt, ignoriert, belacht und verunglimpft aus dem Nichts zu manifestieren schien: Der Veganismus.

Konnten am Anfang linke Kräfte Veganer und den Veganismus noch ignorieren, so entsteht seit etwa zehn Jahren das Bewußtsein, dass Veganer, ohne das konkret zu wollen eine ideologische Bedrohung für sie darstellen. Der Grund ist banal: Eine vegane Gesellschaft mit einer Mehrheit aus emanzipiert ethisch handelnden Individuen bedarf keines moralischen Exoskeletts mehr. Und alle politische Strömungen sind solche von außen aufgepappte, den Menschen „beherdende“, flankierende, kontrollierende Schalen die eben nicht auf die ethische Emanzipation des Einzelnen setzt. Die Fähigkeit der Wahrnehmung ethischer Rechte in Anderen wird geleugnet, also Ethik selbst, und diese konstruiert als narzisstische Willkür die jeder für sich nach eigenem Bedarf und Bedürfnissen formen kann. Am schnellsten verdrängen im Politgeschäft würde die Herdentreiber, und nicht nur die linken, eine breite vegane gesellschaftliche Entwicklung, weil mit der den meisten politischen Strömungen ihre ideologische Grundlage entzogen würde. Nur, die Linken trifft es zuerst, sie wären die ersten die von der Etablierung einer politischen veganen Kultur betroffen wären.

Aus dieser Perspektive ist es auch nicht überraschend, dass die infamsten Schmähkampagnen, die widerlichste antivegane Hetze und subversive Stimmungsmache gegen den Veganismus aus der linken Ecke kamen. Kein rhetorischer Bücker zu tief, kein Rechtfertigungsversuch zu kindisch, keine Diffamierungskampagne zu schmierig: Die Angriffe auf den Veganismus aus dem linken politischen Spektrum sind von einer vergiftenden Aggression, eine Aggression die nicht wie im griechischen Sinne etwas auf den Weg bringen will, so wie es legitime linke Kritik tut, sondern eine die zum Zerstören ansetzt.

Und Veganer sind ja auch willige Opfer. Gefüttert aus dem borderlinigen Siebgut reaktionärer Repression des Bürgertums, nehmen die unemanzipierten Neuveganer jeden Zug des linken Knüppels über den Schädel hin als normales Element einer Debatte; wer seine Kultur nicht kennt, der wehrt sich auch nicht wenn auf ihr herum getrampelt wird. Alles ist besser als das Vakuum des Mittelschichtlebens, auch geschlagen zu werden, so scheint es.

Denn die ethische Grundlage des Veganismus wird auch von der Mehrheit junger Neuveganer nicht begriffen, sie fühlen sich wohl in der als alternative Extremdiät zugerichteten Opposition gegen das muffige Elternhaus, als die sie ihren „Veganismus“ betreiben. Veganismus als grünlinkes Happy-Meal. Und bei der Verteidigung dieses „Veganismus“ reicht die Rhetorik denn auch oft nicht über schlechte Gesundheitsargumente hinaus. Das einzig wirklich gute Gesundheitsargument für den Veganismus, ist die Tatsache dass ausgebeutet und umgebracht zu werden ja nicht wirklich gesund ist. Doch dazu müsste man in der Lage sein, die Perspektive der Tierpersonen anzunehmen.

Aber auch unsere „Script-Kiddies“ werden irgendwann erwachsen, und linke Antiveganer werden ihre rhetorische Leistung nicht mehr daran messen können, dass sie 14jährige und ein paar Natur-Esoteriker vorgeführt haben.

Bei der Zeitung Neues Deutschland hat man das offenbar bereits eingesehen und eine Nachwuchsschreiberin einen Artikel veröffentlichen lassen, bei dem sich der Antiveganismus mit sanfter Sprache linker Kritik kleidet, der Veganismus, nein, der führt nirgendwo hin. So die Hauptaussage, oder besser: Hypnoseversuch, welcher unterstützt wird durch speziesistische Blendgranaten. Muss man sich wirklich die Mühe machen auf die einzelne Argumente einzugehen, wie die hermetische Tunnelung auf die klitzekleine Minderheit in der Minderheit von Veganern, die die Eigenständigkeit ihrer Kultur ablehnen und ihre politische Zukunft in linken Gefilden wähnen? Der Veganismus nämlich, so die Autorin, bemächtige sich linker Gesellschaftskritik als Grundlage seiner Ideologie, haltet den Dieb!

Nein, diese Mühe muss man sich nicht machen. Es ist nur eine weitere Stimme im Chor der gebrüllten Todesahnungen, die das Wesen antiveganer Hetze aus dem linken Spektrum im Kern ausmacht. Schämt Euch.

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8 Antworten to “Neues Deutschland, alte Leier”

  1. reingestolpert Says:

    hallo der artikel in der zeitung ist aber ein bezahlartikel, kann man den sonst wo lesen?!

    • Ava Odoemena Says:

      Das scheint geändert worden zu sein, als ich darauf stieß war er noch kostenlos einsehbar. Vieleicht lesen die ja hier mit?:-) Wo man den sonst lesen kann? Iich befürchte dass Artikel aus der Neues Deutschland nicht als Torrents im Netz unterwegs sind, und ich habe auch keinen „Screenshot“ oder sowas in der Richtung angefertigt, da kann ich also leider nicht weiter helfen.

  2. Martin Deffner Says:

    Falls noch jemand Interesse hat:

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/155112.etwas-anderes-als-tierliebe.html

  3. Nee echt jetzt, “vegane Nazis”? LOL « Veganes Auge Says:

    […] Partei in Greifswald, die vor der veganen Gefahr warnt. Mit von der Partie war auch mal das Neue Deutschland oder eine Vielzahl antiveganer Einträge auf dem Netzmagazin des Heise-Verlags Telepolis, dessen […]

  4. Kabi Says:

    Zu dem Artikel im ND:
    Enttäuschend zu sehen, wie auch überdurchschnittlich bildungs- und theoriebeflissene Menschen immer wieder in so dürftig verkleidete Pseudokritik verfallen. Wäre doch schön, man hätte mal zur Abwechslung so richtig fies gute Kritik, die sich nicht am laufenden Meter selbst diskreditierte und die es einem mal gedanklich schwer machte, seine Postition zu verteidigen.

    Anderes Thema:
    Ist der Veganismus – neben der selbstverständlich möglichen und real gegebenen Eigenständigkeit – aber nicht doch mit einem Linkssein vereinbar, welches ihn und sich selbst entsprechend versteht?

    • Ava Odoemena Says:

      Ist der Veganismus – neben der selbstverständlich möglichen und real gegebenen Eigenständigkeit – aber nicht doch mit einem Linkssein vereinbar, welches ihn und sich selbst entsprechend versteht?

      Nein, das wäre ja Türken feindlich, keine Döner mehr zu essen11!!

      • Kabi Says:

        lol…
        Ich meinte die Frage aber gar nicht unernst… Also mit „Linkssein“ meinte ich nicht das hier&da-Bauchlinke-tum, das meinereins vielleicht darstellt ; ) sondern eben jenes Linkssein, das die Autoren aus der Antifa/indymedia/Anarchie/…-Ecke für sich beanspruchen, mit entsprechender Theorie und allem drum und dran. Und da war meine Frage eben, ob der Veganismus dem denn wirklich den Teppich unter den Füßen wegrollt oder ob das nicht nur ein gefühlter Konflikt ist und doch beides gut zusammenpassen könnte, wenn man wollte… auch theorieseitig… Aber vielleicht ist das hier der falsche Ort, das zu erörtern.

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