Veganismus als Verzichtsideologie und vegane Ernährung als strenge Diät

Veganer sind besonders strenge Vegetarier die sogar auf Milch, Eier und Honig verzichten. Darüber hinaus verzichten sie auch noch auf Leder, Wolle, Seide oder an Tieren getestete Kosmetika.

Vegane Verzichtspralinen CC:Quintanaroo, Quelle im Link

Wer sich über den Veganismus informieren will, und sei es auch nur um endlich mal zu wissen was für seltsam schrullige Menschen das sind, die sich dieser extremen Askese unterwerfen, kommt an Umschreibungen wie der obigen und ihrer zahlreichen Varianten nicht vorbei.

Vegane Verzichtstorte, vermutlich aus Essig und Sägespänen CC:Quintanaroo, Quelle im Link

Und wer seit einer Woche vegan lebt, der kann diesem Bild sicherlich auch noch eine Art Heldenmythos abringen, schließlich ist der Schritt zum vegan leben vergleichbar mit der Überwindung einer Sucht, und viele Neuveganer berichten denn auch von Kompensationshandlungen wie dem Verzehr riesiger Portionen und Panikgefühlen, ähnlich wie sie Drogenabhängige auf Entzug berichten.

Noch mehr vegane Selbstkasteiung CC:Quintanaroo, Quelle im Link

Aber so ist diese Psycho-Rhetorik gar nicht gemeint. Wer so den Veganismus beschreibt, der hat das Thema bereits vergessen und bringt lediglich seine eigene Hunger und Verlustpanik zu Papier/auf den Bildschirm. Nicht selten wird der Veganismus auch absichtlich, also manipulierend so dargestellt, um eine psychologisch mitschwingende Duftmarke zu generieren, die suggeriert der Veganismus würde weh tun, auf immer. Die Entzugsphase wird durch die Konstruktion des Veganismus als Verzichtsideologie und der veganen Ernährung als strenge Diät rhetorisch auf das gesamte Leben des Veganers ausgedehnt.

Nur, entspricht dies überhaupt den Tatsachen? Nein, überhaupt nicht. Veganer, zumindest emanzipierte Veganer verzichten auf überhaupt nichts, sie finden auch Kuchen, Eier, Milch, Honig, Fleisch, Wolle, Gelatine usw. nicht schlimm oder plötzlich eklig, sondern sie lehnen die Handlungen ab, die hinter diesen Produkten stehen, und nicht die Produkte selbst. Ansonsten würde ja auch kein Veganer Alternativen wie Sojamilch, Reismilch, Kokosmilch, Hafermilch, Mandelmilch, Seitanwurst, Tofudönerstreifen, Kunstlederschuhe oder vegane Kosmetik usw. konsumieren.

Veganes Verzichts-Eis, hergestellt aus Küchenschwämmchen CC:Quintanaroo, Quelle im Link

Was der Umstieg auf veganes Leben beinhaltet ist kein Verzicht, sondern eine Umstellung und die Annahme einer anderen Konsumkultur. Dass diese Konsumkultur schwieriger ist als blindes Zugreifen wie ein Säugling nach Mutters Nippel ist unbestritten, denn versteckte tierbasierte Rohstoffe sind weit verbreitet. Wer denkt schon beim Griff zum Gurkenglas, dass das Etikett mit Caseinkleber aufgebracht wurde, also ein Stoff aus Tiermilch. Keiner aber würde auf die etwas seltsame Idee kommen, Chinesen verzichten in ihrer Sprache auf deutsche Grammatik. Und vegan werden, ist ein wenig wie der Umzug in ein anderes Land, und eine Zeit lang versteht man die Welt nicht mehr. Doch wenn der Entzug vorbei ist, oder wenn man so will das fremdeln, wenn man quasi „chinesisch sprechen gelernt hat“, wird vegan Leben Teil der eigenen Alltagskultur.

Sicherlich gibt es auch unter Veganern Asketen, die sich innerhalb ihres Veganismus für eine bewußte Reduktion ihres allgemeinen Bedarfs entschieden haben und dafür auch gute Gründe vorbringen, aber der Veganismus per se hat nichts mit Verzicht zu tun, und die vegane Ernährung ist keine Diät, sondern eine kulturelle Ernährungsform auf Grundlage ethischer Erwägungen. Für Menschen die sich ausschließlich vegan ernähren ohne sonstige kulturelle oder ethische Verbindung mit dem Veganismus, wie man das oft im Sport oder bei Künstlern vorfindet gibt es eine eigene Bezeichnung, nämlich Veganköstler. Selbstverständlich kann sich jeder entscheiden vegane Ernährung für sich zu betreiben ohne sonst was mit Veganern am Hut zu haben. Viele Veganer haben mit Veganern nichts am Hut, denn, wir sind nunmal eine bunte Mischung aus allen sozialen Zusammenhängen und das bedeutet viel Streit, viele Territorienkämpfe, viele Missverständnisse, Cliquenkriege, viele Meinungen und das ist Vielen einfach zu laut. Auf das Tamtam verzichten sie:-)

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16 Antworten to “Veganismus als Verzichtsideologie und vegane Ernährung als strenge Diät”

  1. Matze Says:

    Klasse Artikel. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Backe am Wochenende selbst kleine Vegane-Kuchen und bin mal wieder auf die Kommentare gespannt die dann folgen werden, wenn ich damit zur Geburtstagsfeier gehe. Das übliche halt ;) Aber schmecken wird es nachher trotzdem. :D

  2. Kabi Says:

    Ich wühle auch grad ein bißchen. Habe erstaunt festgestellt, dass das Blog ja noch gar nicht so alt ist und ich nur aufgrund des hohen Artikel-Outputs mit der Gesamtlektüre hinterherhinke. : )

    Aus Küchenschwämmchen, LOL, spitze!

    Habe mir jüngst vorgenommen, zu Familienessen den gutgemeinten mütterlichen Kochservice teilweise zu unterlaufen, und auch selbst was mitzubringen oder zum Kochen zu kommen. Das „Abwandeln oder Weglassen“ in der ansonsten unveganen Küche, ohne meine Rezept-Tips, zusätzliche Produkte usw., führt nämlich sonst oft dazu, dass mein Teller eben etwas spartanischer aussieht und/oder auch so schmeckt. Betrifft insbesondere Desserts.
    Denke das dürfte auch oft der Fall sein, wenn man sonst wo unterwegs isst. Ich finde, wo immer möglich, sollte man durch eigene Vorbereitung, Anleitung oder Mitarbeit versuchen, ein vollständiges&gutes veganes Essen „sichtbar zu machen“.

    Ähnlich – aber sicher streitwürdiger – wäge ich oft ab, wenn es darum geht, in Restaurants zu allen möglichen Kleinigkeiten nachzufragen oder auf alles mit potentiell unveganen Zutaten-in-Zutaten zu *verzichten*. Da mache ich unter Umständen kleine Kompromisse zu Lasten der gesicherten Veganität meines Essens, zugunsten des Eindrucks den andere vom Veganismus kriegen. Beispiel wäre jetzt nicht sowas wie „ich esse ohne zu fragen Suppe, wo vielleicht Hühnerbrühe drin ist“, sondern „ich esse ohne zu fragen Brot dazu, von dem ich nur ausgehe dass es vegan ist“. Oder Salatdressing mit „ungesichertem“ Essig. Ich frag da auch nicht nach E-Nummern und zücke meine Liste.
    Oft bekommt man eh keine zufriedenstellende Auskunft und man wirkt pedantisch oder je nachdem asketisch, viele Leute ziehen da in erstaunlicher Phantasie-Armut und nicht so erstaunlicher Selbstversicherung leider falsche Rückschlüsse auf die vegane (Zuhause-)Küche, und die berühmten Vorurteile „was kannst du denn überhaupt noch essen“, „vegan sein ist total schwierig“, haben wieder eine vermeintliche Bestätigung. Das versuche ich zu vermeiden. Ich weiß aber, dass das im Grunde schon an konsequenter Tierrechtsethik kratzt, neige bei sowas aber tatsächlich (noch?) zu einem gewissen Konsequentialismus (das ist doch der passende Begriff, oder?).

    • Kabi Says:

      Mein Kommentar berührt natürlich nicht so sehr die antivegane fundamentale Fehldeutung oder untergründige Verleumdung von Veganismus, die dein Artikel imo sehr treffend beschreibt und richtigstellt. : ) Aber ich kam da halt drauf…

    • Ava Odoemena Says:

      Ich sehe das ähnlich, Etikettenkleber et al….vor allem in spontanen Situationen. Außer Haus frag nicht nach Sachen, von denen ich sowieso weiss, dass weder der Service noch die Küche eine Ahnung von hat, sondern ich bitte den Service oder direkt die Küche, mir etwas aus Basissachen zu machen. Miit der Küche direkt reden zu dürfen wurde mir bis jetzt noch nie verwehrt und ich finde die Köche geben sich dann auch extra Mühe weil sie es als fachliche Herausforderung begreifen.

      Ein wenig reden muss ja meist doch, denn im ersten Schockmoment (AAAH!! Veganer!!) halten die Butter für vegan oder vergessen, dass Hühnerbrühe auch dann nicht vegan ist, wenn da kein Huhn(rest) mehr seine Runden dreht. Vor allem Butter wird immer wieder für vegan gehalten, das ist von der Form her vielleicht schon zu weit weg vom Tier oder so. Ansonsten, wenn etwas fest eingeplant ist, kann man da ja vorher anrufen und die drauf vorbereiten, dann fühlen sich die Gastronomen auch nicht so überrumpelt.

      Ich hab natürlich den Vorteil dass ich in Berlin lebe und selten in die Verlegenheit der unveganen Gastronomie komme, nicht nur weil es hier mittlerweile ein sehr breites veganes Angebot gibt (auch immer mehr innerhalb der vegetarischen Gastronomie). Sondern als ich nach Berlin zog, kannte ich hier niemanden von früher, auch von meinen Verwandten wohnt niemand hier und deshalb ist mein Bekanntenkreis vegan weil ich mich natürlich dann über die vegane Szene sozialisiert habe.

      Auf unveganen Feiern würde ich definitv eigenes mitbringen, das findet auch niemand komisch.

  3. Nordwürfel Says:

    Komisch, dass Du hier im Bezug deiner Widerlegung der veganen Askese und des Verzichts so gut wie nur auf die Ernährung (und etwas auf Kleidung) abhebst. Abgesehen davon, dass ich schon allein deine Verallgemeinerung, man müsse in der Ernährung auf nichts verzichten, wenn man vegan lebt, überhaupt nicht teile, da die Einschätzung, ob es Verzicht oder nicht ist, immer eine private Angelegenheit ist, abhängig vom persönlichen Geschmack und Bedürfnis des Einzelnen, geht die Veganideologie doch noch viel weiter. Das machst Du jedoch nicht wirklich deutlich in deinem Artikel. Vielleicht kannst Du mir ja erklären, wie ich vegan angeln und jagen kann, ohne darauf zu verzichten? Kann ich mir Haustiere in einer veganen antispezidingens Gesellschaft halten oder muss ich verzichten? Gibt es dann noch Tierparks, ist Reiten erlaubt, Fische im (großen) Gartenteich oder Hobbys wie Imkern? Wenn man wirklich konsequent auf jede Art von Tiernutzung verzichten soll, können eine große Menge Menschen, die nun einmal aus ganz persönlichen Gründen nicht auf Tiernutzung verzichten wollen, nichts anderes als eine Verzichtsideologie im Veganismus sehen. Und dagegen helfen weder ein paar vegane Schokotörtchen, von deren ansprechenden Bildern ich nicht entnehmen kann, ob Weizenkleber und Soja tatsächlich geschmacklich mit einer „echten“ Torte mithalten kann, noch das (vermeintliche) ethische Trostpflaster, zumal man über richtig und falsch streiten kann, da Ethik keine Naturwissenschaft ist sondern eine Frage des Glaubens, selbst wenn Veganer meinen, sie wüssten ja was ethisch richtig und falsch wäre und würden die Wahrheit kennen :D :D :D

    • Marco Says:

      Muss ich in einer veganen Gesellschaft auf das ermorden anderer Menschen „verzichten“, oder ist das dann noch „erlaubt“?

    • Ava Odoemena Says:

      Oh nee, du schon wieder? Das war doch im Mai alles schon so langweilig.

    • Murph Says:

      […] da Ethik keine Naturwissenschaft ist sondern eine Frage des Glaubens, […]

      Du verwechselst tatsächlich immer noch Ethik mit Willkür. Solange du den Unterschied nicht kapierst ist da eigentlich jede Diskussion hinfällig.

      • Nordwürfel Says:

        Mmh, ich glaub eher, Du verwechselst Veganismus mit objektiven Werten, solange Du beides nicht zu trennen weißt und fanatisch meinst, nur deine Wertvorstellungen dürften die richtigen und wahren sein, ist eine Diskussion tatsächlich hinfällig.

      • Ava Odoemena Says:

        Wie gesagt, das war im Mai schon alles so plumpes Geseier…

      • Nordwürfel Says:

        Stimmt, Du hast im Mai ganz schön plump geseiert.

  4. Paul Says:

    bist du der gefürchtete honigbär? sag dass du es nicht bist.

  5. Lady Says:

    Ahh, hast mich noch ein wenig zum Lachen gebracht heute.., wo mir gerade zum Weinen war: http://www.merkurmarkt.at/WNBinaryWeb/89/3474407.pdf man beachte das „VierPfoten“ Siegel auf Seite 9….

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