Alte, fresst mehr Fleisch!

Ernährungsphysiologen haben es wirklich nicht leicht, vor allem wenn sie in einer der zahlreichen „Ernährungsgesellschaften“ und „Fachgesellschaften“ sitzen.  Nicht nur kann man es niemandem Recht machen, nicht nur gibt es Verknüpfungen zur körper-staubsaugenden Industrie und Vorwürfe, gemeinnützige Strukturen als Marketingkanäle zu mißbrauchen, sondern auch die Wissenschaft dahinter selbst ist sehr jung mit vielen unfertigen Theoriebildungen und deshalb auch regelmäßig 180° Kehrtwendungen bei den Empfehlungen.

Das einzige was bei diesen Gesellschaften eine Konstante darstellt die sich überall wie ein Stützpfeiler wiederfindet, ist die teils grotesk anmutende antivegane Haltung. Prinzipiell wird der kulturelle Aspekt (Veganismus ist eine Kultur der Ethik) ignoriert und vegane Ernährung als asketische Aussenseiterdiät an der Grenze zu Magersucht geführt. Rhetorische Lesminen die die DGE z. B. unter einer dünnen Plane wissenschaftlicher Sachlichkeit in ihrer Alarmmeldung von 1998 vergraben hat sind Begriffe wie streng, kritisch, sehr kritisch, Risiko, Kinderarzt, gering, große Gesundheitsrisiken.

Der Text wirkt ein wenig wie geschrieben von einer geschiedenen Frau die verbittert mit ihrem Exmann abrechnet und entwickelt deshalb eine unfreiwillige Komik die mit Sicherheit so nicht beabsichtigt war. Den ersten Hammer gibt es gleich im Vorspann, im Hauptteil  beginnt es erst noch etwas wohlwollend mit dem unveganen Vegetarismus um sich dann im Negativen zu steigern, im Höhepunkt dann das psychoaktive Hackbeil das herniedergeht auf die vegane Ernährung, die Konstruktion als „Brut schädigend“. Nachzulesen ist der Text im Netz auf einer Seite für die Veganes Auge eigentlich keine Werbung machen möchte, deshalb mit etwas Zähne knirschen, hier, wer sich das antun will.

Eine Ansicht übrigens, die eine andere große Ernährungsgesellschaft, die ADA in Nordamerika, nicht teilt. Beide ernährungswissenschaftlichen Vereinigungen haben Zugang zu den selben Informationen, kommen aber zu gegenteiligen Ergebnissen.

Die Verwirrung ist mal wieder perfekt und das ist durchaus so gewollt, schließlich ist die Pressemeldung der DGE Grundlage für fast alle negativen Abhandlungen über die vegane Ernährung, auch für die Antiveganer von Wikipedia, die sich wie ein Filz als Erweiterung der Antiveganer der DGE bemühen. Mit dem Wikipedia-Eintrag zu Veganismus wird sich Veganes Auge separat beschäftigen, irgendwann, denn es kostet große Überwindung bei der Kiste den Deckel aufzumachen.

Veganer die sich in die Ernährungsphysiologie eingearbeitet haben, und auch Eltern die die Grundlagen der veganen Ernährung kennen und die ihre Kinder gedeihen sehen, packt beim Lesen dieser Texte die blanke Wut. Schließlich wissen wir, durch eigene Erfahrung daß es geht. Und auch die Autorin dieser Zeilen fragt sich, woher bei dieser geringen Energiedichte die 20kg Übergewicht herkommen?

Nicht alle „Ernährungsgesellschaften“ gehen bei der Propaganda für tierbasierte Ernährungsformen so plump vor wie die DGE, aber bei genauerer Betrachtung nicht weniger abstrus. So lancierte vor einiger Zeit der Verein mit dem ironischen Namen „Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention“ eine Pressemeldung mit dem gruseligen Titel „Vitamin B12 – Tierisch(es) gut für das Gehirn“. Unvermeidbar und mit der Reflexhafigkeit und Phrasentreue auch wieder unfreiwillige Komik: „Streng vegan lebende Personen sind daher besonders gefährdet.“

Aber bei der Kernempfehlung setzt bei jedem, der sich mit B12 beschäftigt hat der Atem aus: Alte Menschen sollen mehr „Fleisch“ essen, weil Vitamin B12 Mangel bei älteren Menschen weit verbreitet ist.

Für viel B12 braucht man viel Batzen. cc-by-nc-sa-2.0 mars_discovery_district

Vitamin B12 Mangel ist nämlich bei älteren Menschen gerade deshalb weit verbreitet, *weil* sie das in Protein gebundene B12 in „Fleisch“ im Magen oft nicht mehr herauslösen können.

Der Pressetext ist ein typisches Beispiel wie Fleischpropaganda nicht nur benutzt wird, um im Namen der Aufklärung vor der veganen Ernährung zu warnen, sondern auch Information verbreitet wird die schädlich ist für die Zielgruppe die man aufzuklären behauptet.

Besonders verheerend ist in dem Text: Älteren Menschen wird der Verzehr von Tiergewebe empfohlen, gleichzeitig aber sogar angeführt, dass bei älteren Menschen der intrinsische Faktor reduziert ist oder gar ganz fehlt weil dieser im Alter nachläßt effiziente Dienste zu leisten. Für eine B12 Versorgung ist für ältere Menschen bei denen dies der Fall ist, der Verzehr von Körpergewebe also völlig wirkungslos, da der Verdauungstrakt nunmal das enthaltene B12 *nicht* aus dem Proteinverband auslösen kann.

Eine ältere Person mit bereits bestehendem Vitamin B12 Mangel, welche diese Fleischpropaganda für bare Münze nimmt, verschlimmert somit ihren Mangel da sie geeignete Alternativ-Strategien für die Versorgung mit Vitamin B12 nun nicht in Erwägung zieht. Von den Folgen erhöhten Fleischkonsums für den Konsument und dessen Opfer einmal ganz abgesehen.

Komplett unterschlagen wird, wie immer wenn es darum geht B12 mit „Fleisch“ zu verknüpfen, dass alles Vitamin B12, auch das in tierbasierten Nahrungsmitteln, bakteriologischen Ursprungs ist und diese Fermentierung problemlos außerhalb von Tierkörpern stattfinden kann und auch durchgeführt wird, in einem Prozess ähnlich wie die Herstellung von Backhefe.

Dieses fermentierte B12 ist nicht mehr Protein gebunden und kann über die passive Resorption dann ohne Mühen und unabhängig vom „intrinsischen Faktor“ vom Körper aufgenommen werden, auch wenn dieser Faktor durch Alter oder Krankheit geschwächt oder gar nicht mehr vorhanden ist.

Gerade für ältere Menschen mit geschwächtem oder nicht vorhandenen intrinsischem Faktor ist die Supplementierung mit auf dem Wege der Fermentation hergestellten B12 die einzige Möglichkeit, leere Vitamin B12 Speicher wieder aufzufüllen, eben *weil* das in tierbasierten Nahrungsmitteln enthaltene B12 nicht ausgelöst werden kann.

Die der Pressemeldung inneliegende Empfehlung ist also nicht nur dezidiert antivegan, sie schädigt ältere Menschen deren bestehender Vitamin B12 Mangel sich verschlimmern wird wenn sie sich an die diesen Rat halten.

Propaganda zu erkennen ist manchmal nicht einfach, aber oft zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie ungewünschte Elemente komplett ausblendet und anderswo negative Elemente konstruiert, wo sie nicht wirklich vorhanden sind.

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