Vom Leben mit netten Mördern

Veganer leben in einer Horrorgegenwart. Eine Gegenwart, die von den Gegenwärtigen selbst gar nicht als Horror erlebt wird, jedenfalls nicht so, dass sie selbst den Horror verursachen. Schlimme Dinge passieren meist weit weg, und vor allem ist man an diesen Dingen selbst nicht beteiligt.

Der erste Realitätsschock wenn man vegan wird, ist der, dass diese Sicht nicht stimmt. Die schlimmen Dinge sind allgegenwärtig und jeder macht mit. Menschen tragen Schuhe aus Haut, bespannen Möbel damit, Haut von Tieren, deren Körper sie züchten und deren Träger sie umbringen lassen, weil es schmeckt. Sie nehmen sogar die Ermordung von Kuhkindern in Kauf, als Kalbfleisch hoch geschätzt und als Nebenprodukt der Generierung von „Milch“. Gigantische Anlagen wie aus einem Nachtmahr überziehen den Planeten, in denen Tierpersonen aufbereitet und zerlegt werden weil ihre Körper und Körperprodukte schmecken.

Für die Gegenwärtigen ist das halt so, der Horror wird als solcher nicht wahrgenommen. Im Gegenteil, die Kritik an diesen Zuständen löst Empörung aus und die immer gleichen Diskreditierungsreflexe und Rechtfertigungsversuche.

Aber Veganes Auge behandelt hier nicht das Offensichtliche, auch nicht dass die Gegenwärtigen beginnen, sich dafür zu schämen was sie dem Vieh, dass sie rekursiv vernichten antun. Die dreiste Lüge, man esse ja nur wenig davon und wenn dann bio, ist das Kind dieser Scham. Dabei könnte mit tierbasierter Ernährung  noch nichteinmal die jetzige Weltbevölkerung ernährt werden, selbst wenn die erbärmliche Lüge von Speziesiesten der Wahrheit entspräche und alle würden nur „ein wenig“ und „bio“.

Bio ist schonmal gleich gar nicht flächendeckend (also menschheitsweit) möglich, denn bio bedeutet ja „mehr Platz“ „natürlichere (Gefangen)Haltung“ usw. Selbst die grausamste weil effizienteste, tierbasierte Nahrungsmittelproduktion ist nicht in der Lage, alle derzeit lebende Menschen mit dem zu versorgen, was sie haben wollen: Essen, das geschrien und geblutet hat. Es gibt dafür einfach keinen ausreichenden Platz.

Unvegane Ernährnung ist nämlich eine Minderheitenernährung, aus physikalischen Gründen, dennoch belegt diese Minderheitenverköstigung die Mehrzahl aller Agrarflächen in der Welt, denn die Opfer müssen schließlich ernährt werden, ein absurder Zustand den man Unbedarften meist mehrmals erklären muss weil sie nicht glauben wollen wie ineffizient unvegane Ernährung ist. Jedes tierliche Produkt bedeutet eben auch immer die vielmalige Verdichtung pflanzlicher Rohstoffe.

Wir reden hier aber nicht auf allen Seiten von einer gedankenlosen Minderheit. Denn  während es auf der Täterseite um Minderheiten geht, ist die Zahl ihrer Opfer gigantisch. Jedes Jahr werden mehr Individuen mit ethischen Rechten getötet, harmlos ausgedrückt, als in seiner gesamten evolutionären Existenz Menschen an allen Todesursachen gestorben sind. Jedes Jahr!

Doch um Gegenwart der Täter geht es hier gar nicht.

Es geht darum, wie Veganer, die sich an dieser Unkultur nicht länger beteiligen wollen, mit dieser Gegenwart, also den Mördern mit denen sie Leben müssen umgehen sollen.

Mit wahnhaften Mördern wohlgemerkt, die gar nicht erkennen wollen dass sie Mörder sind, noch nicht einmal im Sinne von Ossietzky. Mörder, die ihren Opfern so wenig Wert beimessen, dass sie noch nichteinmal als Opfer zählen.

Es geht um eine Gegenwart der Veganer, die nicht ignorieren können dass das Blut aus allen Rissen quillt, eine Gegenwart, in der Leichen im Lebensmittelhandel offen zum Verkauf feilgeboten werden, als Stücke.

Es geht um die Gegenwart der Veganer, die in der Familie, im Freundeskreis und auf Freizeit und Arbeit von Mördern umgeben sind. Es geht um das Leben inmitten einer asymmetrischen Pseudozivilisation, in der jede Wahrnehmung ethischen Rechts nicht erstrebenswert gilt sondern erkämpft werden muss, nicht selten mit Blutsteuer.

Wie lebt man in sowas und mit solchen Gegenwärtigen ohne den Verstand zu verlieren?

Es geht nicht anders, als dass man wieder lernt wie man vorher war, wie man wieder ein Stück wie sie wird, indem man ein Egalgefühl gegenüber den Opfern entwickelt. Gerade die Verzweifelten sollten einen gesunden Egoismus in sich aufrufen.

Denn: Empathie ist zwar hilfreich um beim Veganismus anzukommen, aber  nicht notwendig um ethische Rechte anzuerkennen und in Anderen wahrzunehmen. Im Prinzip wäre selbst ein Psychopath in der Lage vegan zu leben, denn die Wahrnehmung ethischer Rechte in Anderen kann rational und ohne jegliches Mitgefühl abgewickelt werden.  Der Horror dieser Gegenwart ist nicht dein Horror, er betrifft dich nicht persönlich. Nicht du wirst umgebracht und misshandelt, sondern Individuen die für dich und dein Leben eigentlich nicht die geringste Bedeutung haben. Sei kalt. Die Gegenwart ist hinzunehmen als das was sie ist: Ein Schnappschuss eines evolutionären Wetterphänomens, ein mathematisches Fraktal im Vakuum der Raumzeit. Und wenn Mitleid, warum nicht auch Mitleid für die Gegenwärtigen? Denn, sind die Mörder wirklich Mörder, oder auch einfach selbst Opfer ihrer eigenen Verblendung, das Produkt ihrer Sozialisierung? Kann man Mitleid mit Tätern haben? Ist nicht der Täter selbst sein erstes Opfer, indem er mit der Tat seine Blindheit und Leere demonstriert?

Vegan zu leben bedeutet auch, zumindest im persönlichen Umfeld zu verzeihen. Kontinuierlich. Aktivismus und persönliches Umfeld sind strikt zu trennen, nach dem Prinzip von Amnesty International, das nur jeweils die Zustände in einem anderen Land kritisiert, nicht im eigenen. D. h. AI Brasilien nimmt sich der Menschenrechtsverletzungen in Deutschland an, z. B. Was AI als Organisation aus rechtlichen Gründen so macht, müssen einzelne vegane Aktivisten (und jeder der für Veganismus argumentiert ist ein Aktivist) aus sozialen und psychologischen Gründen so machen. Aufklärung und Aktivismus daher immer außerhalb des eigenen sozialen Netzwerks aus Freunden und Familie.

Nur über die Gelassenheit die Dinge so hinzunehmen wie sie sind, läuft man auch nicht Gefahr sich zu isolieren von der Welt der Gegenwärtigen, denn diese Isolation ist „kontraproduktiv“ für den Veganismus und auch für uns selbst. Vegan zu sein, bedeutet auch schwimmen lernen im Blut.

Wir sind quasi Zeitreisende aus der Zukunft, aus einer Welt die so sein wird wie wir sie haben wollen. Wir sind Steinchen im Windfluss sozialer Evolution und machen kleine Wirbel wenn dieser Wind um uns herumfließt. Wir sind die Vorboten der letzten Stufe zur Menschwerdung des Homo Sapiens. Der Horror der Gegenwart wird verschwinden im Dampf der Zeit und das Schlachten ein Ende haben.

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Ava Odoemena

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11 Antworten to “Vom Leben mit netten Mördern”

  1. piyh Says:

    Also prinzipiell gebe ich dir recht, Isolation ist sicher nicht der richtige Weg, aber ich denke, dass man ja gerade im eigenen Umfeld angehört wird und ich weiß nicht, ob man dieses Potential verschenken sollte, auch wenn man sich vorübergehend ein bisschen unbeliebt macht – echte Freunde werden auch ein bisschen Kritik vertragen. (Ich meine nicht, dass wir unseren Freunden die Wurstsemmel aus der Hand schlagen sollten)

    Es gibt jede Menge Leute, die Veganer für durchgedrehte Spinner halten und einem fremden Veganer vermutlich nicht zuhören würden. Jedenfalls gibt es in meinem Umfeld schon Leute, die jetzt ganz anders zu der Sache stehen.

    „Wir sind quasi Zeitreisende aus der Zukunft, aus einer Welt die so sein wird wie wir sie haben wollen.“
    Daran werden wir uns klammern müssen, im Blutstrom.

    • Ava Odoemena Says:

      Selbstverständlich sollte man seine Position darlegen und den eigenen Veganismus so frei leben wie man will und sich nicht unveganenInteressen unterordnen. Ich hätte z. B. keine Probleme damit auf eine Geburtstagsfeier mein eigenes Essen mitzubringen, bzw. würde dafür sorgen, dass möglichst viel vegane Kuchen/Torten und andere Leckereien vegan sind. Über die Vertretung eigener Interessen als vegan lebender Mensch wird für das Thema bereits ausreichend Aufmerksamkeit im eigenen Umfeld für das Thema generiert, als Nebenprodukt quasi.

      Richtiger Aktivismus mit rhetorischem Druck und Streitgesprächen sind im persönlichen Umfeld allerdings sind nie von Erfolg gekrönt sondern führen eher dazu, dass man plötzlich Pariastatus bekommt.

      Vielleicht hat jemand Gegenbeispiele?

      • piyh Says:

        Problematisch wird es dann, wenn andere sich mit Streitgesprächen regelrecht aufdrängen, denn unkommentiert stehen lassen möchte ich die falschen Behauptungen auch nicht, vor allem nicht, wenn noch andere zuhören, schließlich habe ich ja die Argumente auf meiner Seite, wenn man mich mal zu Wort kommen lassen würde. Mein Ziel sollte es wohl sein, dass der andere am Schluss den Pariasstatus erhält. ;)
        Ich glaube es gibt „antivegane Menschen“ in meinem Umfeld, also die sind nicht nur unvegan, sondern sie polemisieren auf die dümmste und ignoranteste Art gegen den Veganismus, den ein oder anderen möchte man dann am liebsten gleich wieder aus dem eigenen Umfeld entfernen und ich denke darauf wird es auch hinauslaufen, wenn ich herausfinde wie man Leute los wird.

        Wobei es in dem Falle ja mehr die gravierenden Charakterdefizite sind, als das Unveganertum, die so abstoßend wirken, man kann es natürlich auch positiv sehen, man lernt auf die Art seine Bekanntschaften recht gut kennen. ;)

      • Ava Odoemena Says:

        Gegen antivegane Aggression sollte man sich natürlich verteidigen, keine Frage. Und zwar gerne auch in einer Mischung aus vehement und intelligent. Dazu reicht es meist aus, die gängigen Rechtfertigungs und Diskreditierungsversuche zu kennen.

        Keinesfalls sollte man „Grenzverletzungen“ tolerieren.

  2. reingestolpert Says:

    eine schreibe hast du, da bekommt man richtig gänsehaut manchmal, obwohl mir einige sachen echt zu hoch sind. die texte im blog sind ganz anders als wenn du dich mit den leuten streitest, du streitest ja gerne. was ich sehr komisch finde ist, viele leute reagieren sehr negativ auf dich. ich hab mal deinen namen gegoogelt und wo du auftauchst versuchen leute fast sofort auf dich „einzuschlagen“. was löst du bei denen aus, ist das absicht von dir?

    • Ava Odoemena Says:

      Hallo „reingestolpert“. (Ich muss bei dem Pseudonym immer schmunzeln.) Danke für das nette Kompliment. Die Reaktionen auf meine Person kommen immer aus einem reaktionären Zusammenhang. Reaktionäre wissen zwar meist nicht, dass sie welche sind, spüren aber ganz genau wer es nicht ist. Reaktionäre sind immer bemüht ihre Weltsichthülle dicht zu halten, man muss sich das vorstellen wie eine Kugel die auf einem Meer schwimmt, das sie für eine Säure halten. Jeder Versuch sie zum schwimmen zu animieren wird also gnadenlos bekämpft. Ja, ich provoziere sie indem ich sie mit Wasser bespritze und werde dafür „gnadenlos fertig gemacht“. Tatsächlich ist es aber ein sportlicher Tanz wie beim Völkerball spielen, die Letze die in einem Feld übrig ist und den Angriffen ausweicht, nur dass sie halt mit Kacke schmeißen und sich selbst treffen. Das geht bis zu Todesdrohungen.

      Ist übrigens übergreifend, also nicht nur im „veganen“ Kontext. Und was im Netz steht ist alles noch relativ harmlos, ich habe mich mal ein halbes Jahr mit einem Pseudonym in das Hintergrundrauschen eingeklinkt, also da hab selbst ich ab und zu trocken schlucken müssen über die Perfidität.

      Aber im großen und ganzen macht es natürlich auch tierisch Spaß:-))

  3. Was nu`, Frau Schuh? « Infokrieg News Says:

    […] begehen, ohne nur den leisesten Anflug von Skrupel oder Reue zu zeigen. Wir sprechen hier von den netten Mördern. Nun scheint dieses Phänomen oft vor zu kommen, scheinbar aber nur beim Menschen gibt es […]

  4. thiele Says:

    was soll ich machen wenn ich meinen verstand schon verloren hab und ich garnicht von meiner sozialen umgebung akzeptiert bin und nur im internet zuflucht finde und ein oder zwei veganer irgendwo in kenne aber noch lange nicht mit ihnen in kontakt bin?

  5. Nina Says:

    Danke, Ava. Dieser Beitrag hat mir sehr geholfen und ich bin echt dankbar, dass du diesen Blog führst.

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