Vegane Ernährung als Angstzimmer

Vegane Ernährung als emotionales Konzept, also was sie für Gefühle auslöst bei Nichtveganern, die sich damit ernsthaft und jenseits des Spotts und Häme auseinander setzen, ist angesiedelt irgendwo zwischen Außerirdischem und Asylantenlager. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, ist oft der Reflex, ganz so als ob den Abwehrenden gerade jemand gebeten hatte seine Sexualität zu wechseln.

Sogar, oder vielleicht gerade unvegan lebende Vegetarier schaffen es selten das Thema wirklich progressiv anzugehen, auch wenn die Annäherung durchaus wohlwollend gemeint ist. Hinter der Verknüpfung ist der Text „Vegan, Ja! Aber…“ auf der Seite „vegetarisch-geniessen.com“, eine Online-Ausgabe einer Zeitschrift.

Und da ist es auch wieder, dieses Kellergefühl. Man will etwas holen im Keller aber das trennende zwischen dem was man holen will, was gut ist, sind die Monster die im Dunkeln lauern. Auf erfahrene Veganer die sich die Grundkenntnisse der veganen Ernährungsphysiologie angeeignet haben wirkt so ein Text  ein wenig belustigend, ganz so, wie jemand der über die Gefahren im Keller doziert. „Gehen sie ruhig hinunter und holen sie sich eine Kiste Bier, aber denken sie daran dass der Strom ausfallen könnte, was dann? Was ist, wenn sie plötzlich einem Einbrecher oder Else Kling aus der Lindenstraße gegenüber stehen? Sie könnten auf der Treppe stürzen und sich das Genick brechen! Von einer Horde Ratten angegriffen werden die sie bei lebendigem Leibe auffressen. Ein Erdbeben könnte das Haus zum Einsturz bringen. Überlegen sie sich es also wirklich sehr gut, ob sie wirklich in den Keller gehen wollen! Ist das Bier all diese Risiken wert!!1?“ Die Grundkenntnisse und die Dinge die es zu beachten gilt, werden, und das ist gar nicht so wohlwollend wie es auf der Oberfläche erscheint, präsentiert als fast unüberwindbare Hürden.

Nur, ist die vegane Ernährung denn wirklich ein Kaktus mit süßem Fleisch aber giftigen Stacheln? Für alle die lange vegan leben, also jene die sich von dieser stillen Panik haben infizieren lassen und trotzdem vegan wurden, ist dieser Umgang mit dem Thema ärgerlich und zwar exponentiell ärgerlich zu der Zeit die man vegan lebt. Auch ich bin in den ersten zwei Jahren mehr als einmal im Jahr zur Untersuchung gegangen um die Laborwerte ermitteln zu lassen. Ab dem vierten mal wirds langweilig…

Ich habe was veganes gegessen, muss ich jetzt sterben? cc-by-nd-2:h.koppdelaney

Aber wer kann es den Leuten wirklich übel nehmen, denn die antivegane Propaganda ist sehr effizient, wenn sogar manche Veganer dieses Angstzimmer nicht verlassen und bei dem kleinsten Zwicken in Veganpanik verfallen? Das wirklich Üble in dem „Gesundheits“forum auf vegan.de, von den Trollen die vortäuschen durch vegane Ernähung krank geworden zu sein einmal abgesehen, ist die Lernresistenz des Klientels da.

Beide Gruppen, „argwöhnisch“ an der veganen Ernährung Interessierte und verpeilte Veganer selbst haben den gleichen Denkkurzschluß: Sie trennen nicht zwischen veganer Ernährungskunde und veganer Ernährung. Das Sortieren in Grundregeln und Ernährungspraxis im Alltag misslingt.

Dazu kommt erschwerend hinzu, dass in unserer Gesellschaft überhaupt keine Ernährungskunde praktiziert wird, ganz egal um welche Ernährungsform es geht. Ernährungskunde wird hier nicht als Grundwissen für selbständige und emanzipierte Lebensführung den jungen Leuten mit auf den Weg gegeben, sondern die existiert höchstens in praxenähnlichen Zuständen bei Ernährungsberaterinnen. (Tragen die eigentlich weiße Kittel?) Dazu braucht man ein Diplom. Alle anderen kommen über „Pilze darf man nicht aufwärmen“ nicht hinaus, und selbst das ist falsch. Selbstverständlich kann man ein Pilzgericht was im Kühlschrank aufbewahrt wurde nochmals aufwärmen.

Es gibt also keine Mittelschicht, sozusagen, sondern es teilt sich in Experten und die total Ahnungslosen, auch bei Veganern. Nur wer vegan wird, verliert dadurch nicht automatisch die Furcht vor rationalem Denken, wie es scheint und wie ein Blick ins Angst, äh, Gesundheitsforum bestätigt. Und dass es durchaus Probleme wirklich geben kann wenn man Fehler macht sollte jedem klar sein der sich schonmal den Kopf gestoßen hat. Und Lernresistente stoßen sich durchaus auch öfter mal den Kopf. Dabei wäre es so einfach.

Die Grundkenntnisse der veganen Ernährungskunde passen in 10 Punkte, die sind völlig ohne Aufwand quasi nebenher in den Alltag integrierbar, der anfängliche Aufwand sich darüber bewusst Gedanken zu machen ist sowas von minimal und steht aber auch nicht im geringsten Verhältnis mit der, ja Hysterie die überall betrieben wird, auch von fuchtelnden „Experten“.

Am aller, aller, allerärgerlichsten sind jedoch die Leute, deren Ernährung sich nie abgekoppelt hat von Mutters Brust, ein ewiges Nuckeln. Hier ist weder Wissen noch Genuß vorhanden, und Essen reduziert auf Schlucken quasi als suchthafter Vorgang. Wir alle haben dieses „Amöbenprogramm“ in uns, den evolutionär verdrahteten Impuls Energie Richtung Schlund zu schaufeln. Es gehört zu der vielfältigen Asynchronität der postmodernen Gegenwart, dass wir Sprache und Schrift erlernen aber Essen im dunstigen Triebbereich, also bezogen auf den Vergleich mit Sprache beim Grunzen verweilt. Und selbst die Minderheit der Gourmets betreibt eher eine andere Form des Grunzens, ein Überkippen in den Fetischismus!

Dabei ist auch in der veganen Ernährung alles erlaubt was Spaß macht. Es geht hier nicht um die Lust auf Kochkunst und Kreativität, sondern um das Phänomen des Starrens auf das Fahrrad bevor man das erste mal damit gefahren ist, ohne Stützräder. Das Festkrallen an der Bande beim ersten Schlittschuhlauf. Das erste Vorstellungsgespräch. Das erste mal Schwimmen ohne die komischen aufblasbaren Plastikkissen an den Armen. Schwimmflügel, genau. Danke Gehirn.

Für uns emanzipierten Veganerinnen und Veganer die auch die Grundregeln die zu beachten sind schon so verinnerlicht haben dass sie keine Regeln mehr sind, sondern zu unserer Essenskultur gehören, ist dieses Selbstgruseln vor der veganen Ernährung durchaus noch bekannt. Es ist eine Phase der Emanzipierung. Und wer beim Gang in den Keller das Licht anmacht, der läuft auch nicht gegen die Wand…

Creative Commons License
Ava Odoemena

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