Hugo die kleine Fliege [Kurzgeschichte]

-„Kot.“

„Kot!?“

-„Ja, Kot, schreib ja nicht wieder irgendetwas über Kot. Meine Verwandten haben sich schon beschwert weil in deinen Geschichten immer irgendwie Kot vorkommt oder Fürze.“

„Moment mal, deine Verwandten haben sich über mich beschwert? Wieso hör ich das jetzt zum ersten mal? Wer denn genau ist so dermassen verpeilt dass er Scheisse nicht lustig findet?“

-„Mein Bruder. Und der ist nicht verpeilt, vielleicht findet er es einfach anstößig über Scheiße zu lesen. Ich kann auch gar nicht verstehen was du daran so lustig findest, als Geschichte in einer Schülerzeitung um die Zensoren zu provozieren mag das vielleicht noch lustig sein. Aber du bist inzwischen 40. Welche 40jährige schreibt schon über Scheiße?“

„Äh, deinem Bruder habe ich noch nie eine Geschichte geschickt, sondern der Clandice, macht der bei seinen Kindern Epostkontrolle oder was? Und ja, ich hatte ihr von meiner Flucht vor den Fahrkartenkontrolleuren erzählt, damals in Hamburg als ich meinen Bruder besucht habe und über die Gleise abgedüst bin und die mir hinterher.“

-„Die kenne ich noch gar nicht, und lass mich raten, du hast sie mit Kacke beworfen?“

„Nein, am anderen Ende der Gleise war eine kleine Begrenzungsmauer, die aber auf der anderen Seite etwa 2 Meter 50 oder 3 nach unten ging. Ich hab dann meine Tasche runter geschmissen und wollte an einen kleinen Baum springen, der Ast war aber morsch und so plumpste ich die ganze Strecke nach unten, mit der Schulter in Hundekacke. Das war eine Stoffjacke mit bröseligem Kunstlederoberschicht, im Fliegerlook. Den Kackegeruch habe ich nie wieder rausbekommen, Hundekacke ist ja sowas von übel.“

-„Und da lagst du dann, war dir nichts passiert?“

„Erstmal, ja. Gebrochen habe ich mir nichts, war so ne Art Bepflanzung da mit weichem Beetboden, aber durch den Aufschlag hat es mir die ganze Luft aus der Lunge geschlagen und ich konnte erstmal 15 Sekunden lang nicht mehr einatmen. Das ist ganz schön lang, etwa einmal Happy Birthday singen.“

-„Du hättest dir das Genick brechen können oder sonstwas. Von einer S-Bahn überfahren werden oder an einem Stromschlag sterben können. Wieso bist du für 40 Euro dieses Risiko eingegangen?“

„Mark. Ich war 17. 17, verstehst du? 17 und hatte nur 60 Mark dabei. Damit kommt man in Hamburg nicht weit. Und da mein Bruder chronisch pleite ist, hätte ich von dem auch nichts bekommen. 14 Tage Hamburg mit 20 Mark, bei der Aussicht riskiert man schon mal ne Flucht, wenn man 17 ist.“

-„Und die Kontrolleure, haben die dir geholfen?“

„Nein, direkt neben meiner Landefläche standen 3 Jungs, die haben sich gewundert was denn da von oben geflogen kam, da haben die Kontrolleure wohl Muffensausen bekommen und abgewunken. Die waren tatsächlich aus dem Bahnhof herausgelaufen mit Jagdfieber die Arschlöcher.“

-„Naja, sie hätten wohl gesagt sie haben ihren Job gemacht.“

„Eine Jugendliche über die Gleise hetzen stand bestimmt nicht im Anforderungsprofil.“

-„Ja und dann?“

„Die Jungs haben mir erstmal aufgeholfen und gefragt ob alles in Ordnung ist, ich war verwirrt und wollte zur Bushaltestelle.“

-„Welche Bushaltestelle denn?“

„Na irgendeine. Über die Geschichte haben sie sich amüsiert, waren aber gleichzeitig rührend in Sorge um meine Gesundheit und wollten mich gar nicht zurücklassen, haben mich dann aber an eine Bushaltestelle gebracht. Dort habe ich mich erstmal etwas ausgeruht, da merkte ich die Scheiße an meiner Schulter noch gar nicht. Dann habe ich gehustet und etwas Blut kam raus.“

-„Ist jetzt aber ein Scherz, oder? Der Versuch Blut und Scheiße in einem Satz unterzubringen. Hattest du nicht noch etwas, eine spontane Menstruation vielleicht?“

„Nein du Idiot, ich habe wirklich Blut gespuckt, aus der Lunge. Zwar nur wenig aber es war da. Ich habe dann von der Telefonzelle ein Taxi gerufen und mich ins nächste Krankenhaus fahren lassen. Ich muss ziemlich fertig ausgesehen haben, denn einer der Pfleger im Empfangsbereich meinte dann zu dem anderen, in etwa, <<was glaubst du, die fällt gleich um, oder?>>“

-„Trockener Humor, die Hamburger.“

„Na auf jeden Fall wurde ich geröngt aber sie haben nichts gefunden, muss wohl nur ein kleiner Riss in der Lunge gewesen sein. Mein Bruder hat mich dann im Krankenhaus abgeholt, der eine Pfleger mit dem blöden Spruch hat auch in Scheiße gelangt, aber ich war zu fertig um mich wirklich darüber zu freuen. Willkommen in Hamburg meinte er noch. Der ist dann doch etwas lockerer als dein Bruder, der sich über Hundekacke aufregt.“

-„Bei dir zieht sich Kacke wie ein brauner Faden durch alle Geschichten, irgendwie. Deswegen sag ich ja, wenn du jetzt eine Kurzgeschichte für deinen Blog schreibst, dann mach das doch mal ohne Scheiß. Schließlich vergisst das Internet nichts, und wenn du deine zweite Kurzgeschichte im Netz aushängst, dann werden, egal was du in Zunkunft machst, alle für immer Zugriff auf deinen Scheiß haben. Freunde, Personalchefs, Verwandte. Was wenn du mal eine wichtige Persönlichkeit der Zeitgeschichte wirst?“

„Willst du behaupten keine Person der Geschichte hat je über Scheiße geschrieben? Dann wäre ich ja quasi eine Pionierin.“

-[rollt mit den Augen] „Na mal nicht zu schnell, im Moment sitzt du noch arbeitslos in einer heruntergekommenen Altbauwohnung und bist weit entfernt, die Flammen der veganen Weltrevolution zu entfachen.“

„Naja, eins. Nach. Dem. Anderen. Erstmal meine Kurzgeschichte, wirklich gute Tips kamen ja nicht von dir, Schatz.

***

Und so, liebe Leser des Blogs, kommen wir dann zu Hugo. Bitte jedweiligen Kot vom Gedächtnis streichen, jetzt auf keinen Fall an Kot denken, weder an edlen, veganen Kot, noch die Überreste eines ausgeschissenen Batzens Leiche.

Das Problem ist nur, wie soll ich über Hugo schreiben, zum ersten mal haben wir uns nämlich gesehen, da saß ich auf dem Klo, ich kann mich nur nicht mehr dran erinnern ob ich groß oder klein mußte. Ich blickte an die Kacheln der Wand des Badezimmers, weiße Kacheln mit grauen Schlieren drin, ein Privatwerk eines ambitionieren wie talentlosen Hobbyhandwerker. Überalll Pfusch. Auf jeden Fall saß da direkt neben meinem Kopf eine Fliege, im Dezember. Sie war keine Stubenfliege, sondern von der etwas schmaleren und kleineren Sorte. Während ich dachte, „och wie nett ein Wintergast“, streifte mein Blick das Katzenklo und in Gedanken streifte ich die Schüssel Sojajoghurt. Ich hatte kein Tuch über die Schüssel gespannt, schließlich konnte ich nicht damit rechnen, dass eventuell so ein Hugo mitten im Winter auftaucht und zwischen Katzenklo und Sojajoghurt, also quasi im fliegenischen Schlaraffenland hin und herfliegt und mir meine Fermentation ruiniert.

Ich bewegte meinen Zeigefinger in Richtung Hugo, und er drehte sich um, in Fluchtstellung. Es ging ihm also gut. Warum auch nicht? Wir lagern unsere Bioabfälle offen auf holzgerahmtem Fliegendraht, damit sie trocknen. Seitdem hatte ich nie mehr Probleme mit Muff oder Schimmel mit dem Bioeimer, außerdem verlieren sie so ein Großteil ihres Gewichts, was Energie spart beim Abtransport. Außerdem kann man getrocknete Küchenreste als Substrat nehmen für die Pilzzucht, man muss die Masse nur im Handentsafter mahlen und im Dampfkochtopf sterilisieren. Solange bei frischem Küchenabfall die Oberfläche etwas feucht ist, ist er für Fliegen auch interessant, und so hatte auch Hugo mitten im Dezember auch immer etwas zu essen.

Aber warum schlief er nicht? Sterben Fliegen denn nicht im Herbst oder machen Winterschlaf? Ich ging näher mit dem Finger an ihn heran, und erst als ich etwa einen Zentimeter heran gekommen war, flog er weg. Hugos Winterparadies hat eine Schattenseite, denn ein Katerchen ist Teil unserer Familie. Momo liebt Fliegen, als Herausforderung. Und während ich im Sommer oft einen dicken Brummer von der Scheibe befreie, ist er gleichzeitig meist draußen unterwegs und so kann ich viele von Hugos Freunden retten. Es knirscht ein wenig wenn eine Katze eine dicke Fliege ißt, kein schönes Geräusch.

Nun aber ist es Winter und das Katerchen ist nur zwei bis drei Stunden draußen unterwegs, seine Erdgeschoßleute besuchen. Den Fahrradladen, den Pflegedienst und den  Blumenladen. Und den Alkoholiker.

Über 14 Tage habe ich Hugo regelmäßig gesehen, meist in der Küche. Doch dann war er weg. Auch mein Mann hat ihn nach dieser Zeit nicht mehr gesehen, wir befürchten das Schlimmste.

Tja, und damit ist diese Geschichte auch zu Ende, es soll ja eine Kurzgeschichte bleiben.

Er ist wirklich nicht mehr aufgetaucht.

..

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Hugo die kleine Fliege [Kurzgeschichte]
von Ava Odoemena, Lizenz im URL

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6 Antworten to “Hugo die kleine Fliege [Kurzgeschichte]”

  1. moglee Says:

    Kot? Oh nein, wie kannst Du nur so Wort in Deinem Sprachgebrauch verwenden. Kot ist was ganz fruchtbares und eigentlich viel zu schade um ihn in die Kanalisation hinunter zu furzen :)

    Übrigens: Soll euch schöne Grüße ausrichten von Hugo der Sch…fliege, Hugo wollte weg aus der Großstadt, raus aufs Land, er hat sich deshalb mit einer lauen Süd-West Prise dazu aufgemacht mich zu besuchen. Ja, ein veganer Haushalt musste es schon sein, wegen den besseren Überlebenschancen.

    Hugo geht es gut, er macht gerade Winterschlaf, direkt über der Toilette hängend. So kommt er auch während des Winterschlafs wenigstens minutenweise in den Genuss, des wohlriechenden Duftes von frischem Veganerkot.

    Dort oben an der Decke baumelnd, von nach frisch verdauten, wohlig nach Knoblauch und Schwefel duftenden, Aufwinden hin und hergewogen, lässt er sich gut gehen und schlummert seelig berauscht dahin.

    Er träumt von neuen Aufwinden an einem warmen Frühlingstag, dann geht die Reise weiter zu einem anderen Landeplatz, natürlich wieder bei einem dieser scheiß Veganers…

  2. Ava Odoemena Says:

    Eigentlich müßte ich sie ja Furzgeschichte nennen. Die unsichtbaren Spießer „melden sich zu Wort“ mit Abwertungen, grad, sehr schön;-)

    • moglee Says:

      Hast Du gut gemacht :)

      Noch etwas interessantes zu Hugo: Durch die gewählte Überwinterungsstrategie wachsen Hugo „Kotflügel“. Das hat den Vorteil, dass er keine Zwischenlandung einlegen muss, wegen des „ausgewogenen“ und ausdrücklich von der DGE empfohlenen Nährstoffs, von dem er unterwegs zehrt. Außerdem schützen ihn die Kotflügel während seinen lange Reisen vor Fressfeinden. Die Schöpfung hat es so vorgesehen und bestimmt.

      Eine Frage bei dieser Gelegenheit. Stimmt es, dass der Ur, Ur, Ur, Ur, Ur, Ur, usw. Opa von Hugo der „rote Hugo“ war?

      Ja, reiselustig waren sie schon immer die aus der Familie Hugo. Der rote Hugo starb 1983 in einem Coffeeshop in Amsterdam an einer Überdosis Shit. Aber das ist eine andere Geschichte aus dem Hugo Clan…

      • Ava Odoemena Says:

        Der rote Hugo starb 1983 in einem Coffeeshop in Amsterdam an einer Überdosis Shit.

        Der Arme! Hat er es denn nicht mehr rechtzeitig zur Toilette geschafft?

      • moglee Says:

        Nö, er war breit bis an die Flügelunterkante. Die ganzen Warnungen des Wirtes waren vergebens, als er mal wieder zu nah an den Ventilator flog. Der Wirt meinte noch „Eh, Du tust Dir noch weh“

        Doch es war zu spät. Wie’n weißer Engel schön wie Schnee hing er da, dort im Seil unter dem Venti, die Leiche stank nach Shit…

        Jo, der arme rote Hugo :(

        Den Namen roter Hugo hatte er übrigens seiner Mutter (det wa och ne Icke) zu verdanken, doch das ist wieder…

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