Offener Brief an die Klinik am Korso, Bad Oeynhausen

Sehr geehrte Damen und Herren,

auf der Netzseite Ihres <<Fachinstituts für gestörtes Essverhalten>>, informieren Sie über Essstörungen, es gibt sogar eine eigene Rubrik in der die Besucher der Seite sich informieren können.

Eine Überprüfung Ihrer Seite auf das Wort vegan ergab einen Treffer in dieser Rubrik. Während die vegane Ernährung nicht selbst als Essstörung gelistet wird, tätigen Sie doch folgende, erheblich diskriminierende Aussage:

„Eine andere Wurzel geht auch auf die oft in sektiererischer Weise behaupteten Vorteile bestimmter Kostformen zurück (z. B. Veganertum, Makrobiotik, Rohkost).“

Es erstaunt nicht nur die Auflistung des abwertend als „Veganertums“ bezeichneten Veganismus mit alternativen Kostformen, sondern vor allem die große Ahnungslosigkeit über die Einordnung von veganer Ernährung als eine Art Diät.

Der Veganismus hat primär nichts mit Ernährung zu tun, sondern ist eine Philosophie, eine ethische Handlungsprämisse. Vegane Ernährung ist lediglich einer von mehreren Aspekten, die sich als Konsequenz aus dem Veganismus ergeben. Die Ablehnung von anderen tierbasierten Produkten, wie Schuhe, Kleidung, Möbel aus Leder, analoge Fotographie (Gelatine bei der Filmherstellung), oder an Tieren getestete Kosmetika sind weitere Konsequenzen, die sich aus dem Veganismus ergeben.

Sicherlich gibt es auch so genannte Veganköstler, die sich vegan ernähren ohne die ethischen Grundlagen des Veganismus für sich zu beanspruchen, doch diese Differenzierung fehlt in Ihrer Aussage. Dass eine adäquate, vegane Ernährung durchaus gesundheitliche Vorteile bieten kann, bzw. Krankheitsprävention vereinfachen kann, steht ernährungswissenschaftlich außer Frage. Das erstreckt sich sogar von der Prävention zum Krankheitsmanagement.  „Dialyse & Ernährung“ z. B., steht wohl kaum in dem Verdacht, bei der Beobachtung, dass vegane Ernährung die Dialyse hinauszögern kann, „sektiererisch“ vorzugehen.

Meine Sorge gilt nicht nur dem herabwürdigenden Charakter und der kontextuellen Assoziation von Veganismus mit der Phantasiekrankheit „Orthorexie“, sondern vor allem den Patienten die sich in Ihre Obhut begeben und darauf vertrauen, dass ein Fachinstititut dieser Bezeichnung gerecht wird.

Es bleibt zu hoffen, dass die behandelnden Ärzte eher zu differenzieren in der Lage sind als die Verfasser des Infotextes.

Denn Essstörungen kommen, wie Beinfrakturen auch bei Veganern vor. Ob es sich bei einem solchen Patienten um einen vorgeschobenen Veganismus handelt, z. B. wie es manchmal bei Magersucht der Fall ist, um leichter Essen ablehnen zu können; oder ob ein vegan lebender Mensch eine Essstörung entwickelt hat, ist dabei unerheblich.

Vegan zu leben ist eine kulturelle Entscheidung, und als solche ist sie untrennbar verknüpft mit der Würde des Menschen.

Was kann so ein Mensch, der bei Ihnen Hilfe sucht erwarten, wenn die Klinik am Korso diese Entscheidung als „sektiererisches Veganertum“ verunglimpft?

Veganes Auge vermutet, nichts Gutes.

Hochachtungvoll,

Creative Commons License
Ava Odoemena
(n. verantw. f. Werbeeinblendungen)

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18 Antworten to “Offener Brief an die Klinik am Korso, Bad Oeynhausen”

  1. Ava Odoemena Says:

    Verknüpfung per Epost an die Klinik versandt

  2. esahrets0 Says:

    Hallo Ava,

    schön, dass Du Dich wie immer für das Veganertum, verzeih, den Veganismus einsetzt. :-p

    Den Satz: Dass eine adäquate, vegane Ernährung durchaus gesundheitliche Vorteile bieten kann, bzw. Krankheitsprävention vereinfachen kann, steht ernährungswissenschaftlich außer Frage. Phantasiekrankheit “Orthorexie”.

    Sicher, eine Daseinsberechtigung dieser Form der Essstörung wird angezweifelt, aber dem Klinikpersonal direkt ins Gesicht zu sagen, dass ein Teil ihrer Arbeit der Bekämpfung eines Phantoms dient, ist nicht wirklich nett. Ich kann mir durchaus denken, dass es Menschen gibt, die an Orthorexia nervosa leiden, auch wenn ich keine kenne. Genau so, wie ich weiß, dass es Menschen gibt, die zwanghaft irgendwelchen Kram sammeln und aufbewahren, ist es für mich durchaus denkbar, dass der ein oder andere zwanghaft versucht sich Gesund zu ernähren. In Grundzügen finde ich etwaige Verhaltensmuster sogar in mir selbst. Kaufe ich die Paprika jetzt? Die ist bestimmt gespritzt. Nein, ich geh lieber noch zum Bio-Mann.

    Ansonsten: danke für Dein Engagement.

    der Hase

    • esahrets0 Says:

      Okeeee,

      dann wurde halt die Hälfte meines Posts vom Nirwana-Monster gefressen. Wohl bekomms!

      Que Scheiße.

      Man sollte wohl besser keine spitzen Klammern verwenden. Vielleicht kannst Du es dem Monster ja noch entreißen, ehe es wieder im Äthersee abtaucht.

      Jetzt habe ich keine Kraft mehr, den Text noch einmal neu zu erfinden.

      Viele Grüß,

      der Hase

    • Ava Odoemena Says:

      Hallo Hase,

      ich weiss nicht ob du den eigenständigen Artikel zu Orthorexie schon gesehen hast hier auf dem Blog, ich hatte mich schon mal zu dem Thema konkret geäußert. Und die Klinik am Korso erwägt ja sogar selbst, ob das ein Phantom ist. Mir gings nur im die Verunglimpfung des Veganismus.

      Und sicherlich besteht auch bei Betroffenen von Zwangsstörungen (wo zwanghaftes Verhalten bei Ernährung korrekt einzuordnen ist, IMO) das Bedürfnis nach „einer festen Adresse“ und etwas greifbarem zum Phänomen. Allerdings ist denen nicht damit gedient, wenn hierfür eine Phantasiekrankheit erfunden wird.

      • esahrets0 Says:

        Okeee,

        vielleicht sollte ich mir doch mal die Zeit nehmen, und Dein gesamtes Blog durcharbeiten. Habe den Orthorexia-Beitrag überflogen und sehe ein. :-p

        Ich nehme mir jetzt doch noch die Zeit, den ersten Teil meines ersten Kommentars zu rekonstruieren und werde dabei versuchen HTML-Code-Fallen zu umgehen. Wußte nicht, dass der Text von einem HTML-Parser durchforstet wird.

        Also gut: Ich stieß mich also an jenem Satz: „Dass eine adäquate, vegane Ernährung durchaus gesundheitliche Vorteile bieten kann, bzw. Krankheitsprävention vereinfachen kann, steht ernährungswissenschaftlich außer Frage.“; und war der Meinung, dass etwas, dass wissenschaftlich untersucht wird, niemals mit Ergebnissen aufwarten kann, die, bzw. deren Interpretationen, nicht hinterfragt werden können. Zudem bemerkte ich, dass Du doch sonst nicht mit Links und Quellenangaben zu geizen neigst, und fragte mich, und auch Dich, warum Du nicht enstprechende Studien zitiert hast, damit das Klinikpersonal weiß, wo es sich auf „medizinischen Niveau“ (die Anführungszeichen können jetzt als positiv oder negativ hervorgehoben interpretiert werden; das überlasse ich dem einzelnen Individuum) über die Auswirkungen einer veganen Ernährungsweise auf die physische und psychische Gesundheit informieren kann. Mich selbst interessieren derartige Studien im übrigen auch. Zum einen, weil es eine Freude ist, zu sehen, dass auch Mediziner und „Ernährungswissenschaftler“ nichts von Statistik verstehen, zum anderen, weil ich gern mal aus einer „ernährungswissenschaftlichen“ Studie zitieren möchte. (^_^)
        Ich habe schon einige Male nach etwaigen Studien gesucht, habe aber bis jetzt keinen überzeugenden Artikel finden können, der einer adäquaten, veganen Ernährungsweise einer adäquaten, omnivoren Ernährungsweise einen Vorteil bescheinigt.
        Aber zurück zum Thema. Ich fand die Formulierung, dass etwas in einem wissenschaftlichen Kontext außer Frage steht, seeehr gewagt. Zwar hast Du einen Link angegeben, der allerdings bezieht sich nur auf mögliche positive Auswirkungen einer veganen Ernährung während einer präventiven Behandlung bei Niereninsuffizienz. Was aber ist mit den Menschen, die gesund sind? Gibt es irgendeine repräsentative Studie, die Du guten Gewissens zitieren kannst?

        der Hase

      • Ava Odoemena Says:

        Ah, verstehe. Danke für die Rekonstruktion, ich weiss das zu schätzen. HTML Parser sind leider ein notwendiges Übel heutzutage, ich habe da allerdings keine Kontrolle drüber, das macht die WordPress-Crew.

        Zentrales Thema des offenen Briefes ist die Verunglimpfung des Veganismus als sektiererisches Veganertum (ein rhetorisches Anagramm für veganes Sektentum). Zentrales Thema waren nicht die gesundheitlichen Vorteile der veganen Ernährung, und so wäre es IMO auch nicht angemessen, oder zumindest zielführend, ein Nebenthema durch Quellverweise zentral zu setzen. Es ist nunmal ein Brief und keine Dissertation.

        Einen Einstieg zur ernährungswissenschaftlichen Betrachtung vegetarischer und veganer Ernährung hast du z. B. durch das Positionspapier der ADA, hier ein Link zum original Volltext. (PDF)

      • esahrets0 Says:

        [quote]Zentrales Thema des offenen Briefes ist die Verunglimpfung des Veganismus als sektiererisches Veganertum(…). Zentrales Thema waren nicht die gesundheitlichen Vorteile der veganen Ernährung, … [/quote]

        Ja, das verstehe ich. Danke für das Positionspapier. Ich werde es mir nachher zu Gemüte führen.

        Grüße,

        der Hase

      • Ava Odoemena Says:

        http://pastebin.com/m285143b2
        (die WordPress-Tags, falls Bedarf besteht:-)

        Danke für das Positionspapier. Ich werde es mir nachher zu Gemüte führen.

        In deren Quellenverweisen kannst du dich dann auch – sodenn zugänglich – weiter in die Materie einarbeiten.

  3. Bad Oeynhausen - Blog - 17 Feb 2010 Says:

    […] Offener Brief an die Klinik am Korso, Bad Oeynhausen « Veganes Auge […]

  4. Elisabeth Says:

    Ist denn da irgendeine Reaktion von der Korso-Klinik gekommen?

    • Ava Odoémena Says:

      Oh, von März *hust hust* Tut mir leid Elisabeth, diesen Kommentar hatte ich bis eben übersehen. Nö, nie. Das wär ja noch schöner wenn man diese fanatisch-extremen Sektenheinis auch noch mit Aufmerksamkeit belohnt.

      Aber eine Reaktion hatte ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet, Hauptsache sie wissen, dass hier draußen jemand ein kritisches Auge auf sie wirft.

      Und die Klinik kommt sehr oft vor in den Suchanfragen, der offene Brief ist Nummer 5 auf Google zu Klinik am Korso Bad Oeynhausen!

  5. Playful and Hungry Says:

    Schade, dass sich die Klinik nie darauf gemeldet hat! Aber schöner Brief…

    • Ava Odoémena Says:

      Danke. Ich denke mal, da der Brief auch als Email kam, dass man das einfach ignoriert hat. In medizinischen Einrichtungen wird das Internet oft noch ausgedruckt.

      Wahrscheinlich ist aber auch, dass die nicht verstehen können, dass es Veganer gibt, die keine Patienten sind. Im Psycho-Hilfsgewerbe stellt sich schnell mal eine perverse Dominanzhaltung ein, bei der alle, die im Berufskontext auf die Einrichtung zutreten, quasi als Selbsteinweisung gehandelt werden. „Veganes Auge“ klingt ja auch schon so schön schräg, das kann ja nur eine gestörte Querulantin sein, hahahahaha.

      Oder aber sie habens gelesen, verstanden, sich geschämt, und zwar so sehr, dass keiner sich traute zu antworten.

      Ich tippe aber eher auf Arroganz / Herablassung, nirgendwo im Medizinbereich gibt es glaube ich so viele Ich Oben Du Unten – diagonale Persönlichkeiten wie im Kontrollgeschäft Psychohilfe.

    • Ava Odoémena Says:

      PS: Der Text existiert nicht mehr, nun gibt es kein Resultat wenn man die Seite nach vegan oder „Veganertum“ absucht.

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