Der Julitag der kleinen Totschlägerin [Kurzgeschichte]

„Wer bisch duu?“

-„Ich bin die, die sich dich vorstellt, und alles um dich herum.“

„Ich binn also näd echd? Unn meu Omma a näd? Unn die Murmeln a näd?“

-„Nein.“

„Unn waß baßiad, wenn duu nimmeh on mich dengsch?“

-„Dann ist alles weg, es sei denn andere werden an dich denken. Ich kann aber nicht versprechen dass das passieren wird. Es gibt so viele Geschichten in meiner Welt, und du bist nur ein kleines Mädchen. Was hast du schon zu erzählen, was Bestand hat?“

Das kleine Mädchen fing an zu weinen, es war doch so einer schöner Tag! Der Juli hatte mit der Macht seiner Schönheit alle Seelen gepackt und bließ ihnen die Schwermut von der Haut wie ein Tornado die Ziegel vom Dach. Die Hitze drang vor bis in die Knochen, aber es war eine gute Hitze und sie tröstete für den Winter, dessen kalte Glieder sich bis tief in den Frühling hinein gegraben hatten . Alles war wie gemalt. Selbst das Blau am Himmel schien einzuladen zu einer Reise tief in das Universum hinein.

Schon hatte das kleine Mädchen in seinem weißen Sommerkleid den komischen Gedanken vergessen, der wie eine Stimme zu ihr sprach, so kalt und bedrohlich, und die Tränen, hatte es überhaupt geweint? Ärgerte sie ihr Bruder nicht immer, weil sie auf der Nase schwitze wenn es warm war? Die Murmeln!

„Ommaa!, ich gee nochèmool naus!“

-„Weé, duu bisch zuum Ohmdässe näd dèhääm!“, rief die Großmutter ihr nach, „Wii ßolln ß’Essè bei dia ooschlaa, wenn’de imma rummrännsch?“

Doch die Tür schlug schon zu, eine Massivholztür wie man sie früher gemacht hat, mit einfachem Mosaikglas, viel zu fest wie immer und der grimmige Blick des Opas wurde noch ein wenig grimmiger. Kein Juli der Welt konnte tiefer als einen Millimeter unter seine Haut schlüpfen, es muss ein schlimmer Winter gewesen sein, der alles in ihm erstarren hat lassen. „Die drääd in die Fuußschtabbe vunn iamm Vadder, ßaa ich honn’daß gßaad!“, verkündete er.

Das kleine Mädchen sauste die steinerne Treppe der Hochveranda des einfachen Hauses hinab, durch das westliche Gartentor zum Kirschbaum, ging zu der Stelle, wo sich zwei der großen Wurzeln teilten und schob die Erde zur Seite. Ein kleines Versteck! Sie hob den Holzdeckel an, und alle Murmeln waren da. Auch die großen. Warum sollten sie auch nicht da sein? Das kleine Mädchen schloß die Kiste und deckte Erde darüber. Ein Regenwurm kringelte sich in Panik weg vom Licht, sie nahm ihn und hob ihn kurz hoch, wie komisch er doch aussah. Sie legte ihn wieder hin und schaute dabei zu, wie er zurückkroch in seine Welt.

Das Mädchen stand auf, schloß die Augen und fing an sich zu drehen, und dort wo sie stoppte wollte sie hinlaufen, nicht zu weit weg vom Haus, denn zum Abendbrot musste sie pünktlich zuhause sein, es durfte also nicht weiter sein, als man die Glocken der Kirche hörte. Sie blieb stehen und öffnete die Augen, es war Osten, zum Weg der zu den Weihern führte. Das Haus der Großeltern stand am Fuße eines Hügels, Wald war überall so nahe bei der französischen Grenze, ein schwerer und alter Wald. Die Dörfer die sich in seinen Tälern um die Bäche schlängelten, wirkten als ob sie Eindringlinge wären.Vom Haus der Großeltern konnte man hinunter schauen ins Altdorf. Und auf der anderen Seite erhob sich auch schon wieder ein Hügel, es waren runde Hügel ohne Stein, und im Donner des Julilichts protzten sie mit ihrer Pracht.

Gestern noch hatte das Mädchen, dessen Zimmer zum diesseitigen Hügel des Neudorfs hin ein Fenster hatte, eine große Eule fliegen sehen, in der Dämmerung. Es muss eine Eule gewesen sein, denn es war schon fast dunkel und dann war da auch der große Kopf, weswegen Eulen so komisch aussahen.

Das Mädchen verließ den großelterlichen Garten durch die Ostgartentür, überquerte die Dorfstraße und ließ sich sogleich auf dem unbefestigten Weg vom Wald verschlucken. Es war eine kleine Anhöhe, die, oben angekommen am unteren Viertel der Hügel entlangführte, in deren Tal eine Reihe von Weihern im Wald die Schönheit verstärkten. Alle wurden vom gleichen Bach genährt. Sie war diesen Weg schon oft gegangen, und er führte vorbei an den letzen Häusern des Dorfes, den Zollhäusern. Sie wusste nicht was der Zoll macht, nur, dass man sich vor ihm in Acht nehmen und ausweichen muss, wenn man von Lothringen rüber kam vom wandern.

Lothringen, so hatte der Opa mal gesagt, sei eigentlich deutsch, aber das Mädchen freute sich, dass das nicht mehr so war, schließlich war es was besonderes an der Grenze zu wohnen, und manchmal fuhr es mit seinem kleinen Fahrrad zum nächsten Dorf, das schon in Lothringen war und wo die Häuser bereits etwas anders aussahen. Nicht so sauber, und deshalb viel schöner.

Der Wald vermochte sich gegen die Julihitze zu stemmen, und wenn auch die Luft bebte, so war es immer kühl im Wald, und das Mädchen entschloss sich in Richtung Froschweiher zu laufen. Wenn man aufpasste, konnte man dort noch die Kirchglocken läuten hören und sich von ihnen die Zeit ansagen lassen.

Sie verließ den Weg und ging hinunter zur „ewigen Pfütze“, eigentlich eine Quelle in der Käfer waren, große schwarze Käfer die unter Wasser schwimmen konnten, sie schienen in der Pfütze zu wohnen! Aber heute waren sie nicht da, vielleicht waren sie einkaufen? Nur die laufenden kleinen Stöckchen waren zurück geblieben, und wenn man genau hinsah, dann waren es keine Stöckchen sondern Röhrchen, wo vorne Beinchen rauskamen und die zurück flutschten, wenn man das Röhrchen anstubbste.

Sie kam vorbei an einer Wiese, die in der Mitte den Bach hatte, der alle Weiher füllte. Hatte die Wiese den Bach, oder hatte der Bach die Wiese? Das Gras war so hoch wie das Mädchen und plötzlich war da direkt vor ihrem Gesicht ein Spinnennetz, und in der Mitte eine dicke Kreuzspinne. Ihr Bruder hatte ihr erzählt, dass ein Biß giftig sei und Menschen daran sterben könnten, und so erschrak sich das Mädchen heftig. Wie schön sie aber war. Bestimmt muss sie auch traurig sein, so dachte sie, dass sie ihre Freunde essen muss.Sie nahm ein Grasblatt und wackelte damit etwas am Spinnennetz. Und obwohl die Spinne gleich aufsprang, merkte sie doch, dass da etwas nicht stimmte und verharrte im Ansatz. Das Mädchen wackelte noch einmal, diesmal aber zu fest und die Spinne machte einen Bungeesprung am Seil auf den Boden, „Sie holt mich!“, schrie das Mädchen entsetzt auf und rannte aus der Wiese, hoch zurück auf den Waldweg. Ihr Herz klopfte schnell, und sie versprach der Spinne sie nicht mehr zu ärgern, und bat sie in Gedanken, bitte nicht in ihr Bett zu kriechen.

Weiher in der Pfalz

Boot ohne Kinder cc-by-nc-sa-2:Ive

Weiter ging sie den Weg, der sich nun auf einen Pfad verschmälert hatte, Richtung Froschweiher. Der Froschweiher war weit genug weg vom Dorf, wenige Leute kamen zufällig an ihm vorbei, aber nahe genug um schnell wieder daheim zu sein. Manchmal konnte man große Vögel auf langen Beinen sehen, die am Ufer herumstolzierten. Aber beim leistesten Knack flogen sie weg.

Zwei spazieren gehende Auswärtige bogen um die Ecke -eine ältere Frau und ein Mann, sie waren aber noch nicht ganz so alt wie Oma und Opa, das Mädchen sah es an ihrer Kleidung und der Buchsprache. Das Mädchen wunderte sich oft, wer diesen Menschen wohl die Sprache genommen hatte, sodass sie nach der Schrift sprechen mussten.

„Na du bist aber ein entzückendes Mädchen“, sagte die Frau lächelnd, „Bist du etwa ganz alleine hier im Wald?“, während sie nach den vermeintlichen Eltern Umschau hielt, die sich doch wohl in der Nähe befinden mussten.  „Ich binn ‚m Rubbrechd Heabeadd seum Geahadd seu dochdda unn deß iß unßa Wald, üwwèraal woo’de guggsch geheád deß tzuum Doaff“, erwiderte das Mädchen, welches mit der Antwort richtig stellen wollte, dass sie hier richtig ist und die Auswärtigen zu Besuch.

„Was hat es gesagt, Gerlinde?“, hakte der Mann verwundert nach. Die Frau warf ihm einen strafenden Blick zu. „Na wenn das dein Wald ist“, entgegnete die Frau verschmitzt, „dann weisst du sicher dass ein alter Ritterkönig hier seinen Goldschatz versteckt hat“.

Nein! Das wusste das Mädchen nicht! Ein Schatz, in unserem Wald! „Naddiialich wääß ich deß“, log es frech, „awwer ich vèroods aich näd“.

„Nun, dann bist du also hier um diesen Schatz zu bewachen?“

„Ja gennau.“

„Dann pass auf, dass dich niemand verfolgt und so herausfindet, wo dein Schatz versteckt ist. Auf Wiedersehn, kleines Mädchen.“

Das kleine Mädchen war zu verdattert, die Auswärtigen zum Abschied zu grüßen und ihnen einen schönen Tag zu wünschen, noch nie hatte es an die Möglichkeit gedacht, dass jemand sie verfolgen könne und ihre Schätze stehlen könnte, was wäre, wenn jemand anders schon wusste wo die Murmeln waren?

Plötzlich fiel dem kleinen Mädchen die Stimme wieder ein, die so unheimlich in seine Gedanken gedrungen war, war nicht sie auch jemand, die sie verfolgte und alle Geheimnisse kannte?

„Bisch duu noch doo?“, fragte das kleine Mädchen, diesmal laut.

-„Ja. Ich bin immer da, ich schreibe gerade über dich in meiner Welt“, antwortete die Stimme in den Gedanken des Mädchens.

„Duu bisch ma uunhäämlich, ich will, daß de widda wegg geesch!“

-„Geh zum Froschweiher, kleines Mädchen, die Frösche brauchen deine Hilfe, geh schnell. Helf den Fröschen, dann gehe ich wieder weg aus deinen Gedanken, ich verspreche es.“

Die Frösche! Was passierte mit ihnen? Das kleine Mädchen fing an zu laufen, über die Steine und Wurzeln am Weg, jeden Stein und jede Wurzel kannte sie, die Füße landeten immer auf den weichen Stellen. Noch ein wenig Laufen. Da vorne war er, der Froschweiher. Vorsichtig aber schnell verließ sie den Pfad die Anhöhe hinauf, um dann von Oben herab unbemerkt zum Steg zu kommen, das kleine Mädchen hörte Stimmen, Kinderstimmen! An den Stimmen erkannte sie die Nachbarsjungen, noch bevor es sie sehen konnte. Jetzt kam sie noch langsamer heran, immer näher, jetzt nur auf keinen Ast treten! Aber die drei Jungen bemerkten sie nicht. Sie versteckte sich hinter der Wurzel eines umgestürzten Baums und blickte zum Weiher.

Die Jungen waren mit einem Fangnetz auf dem alten Boot und lachten, in einem Glas waren Frösche eingesperrt. „Ssoo, jetzad machs“, befahl der größere der Jungen, und kichernd nahm der andere Junge einen Frosch aus dem Glas, steckte ihm einen Strohhalm in den Bauch und bließ ihn auf, der Frosch versuchte mit aller Macht den Qualen zu entkommen, doch der Junge hatte den Froschkopf fest zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt. So dehnte sich der kleine Körper unter Druck, und der Junge nahm ihn und schmetterte ihn auf das Boot, wo er zerplatze.

„Meine Freunde!“, schrie das kleine Mädchen in Gedanken. Schon griff ein weiterer der drei Jungen in das Glas, und schnitt mit einem Taschenmesser den Bauch des Froschs auf. Die ganze Zeit kicherten sie dabei und redeten laut.

Das kleine Mädchen schaute sich um. Durch den Aushub des Baumsturzes lag die Erde brach, und einige rote Sandsteine lagen frei. Sie griff einen mit der Größe ihrer eigenen Faust, hielt aber inne.

„Stimm, soll ichs mache?“

-„Das bleibt jetzt dir überlassen, das ist deine Geschichte.“

Das kleine Mädchen trat hinter der Wurzel hervor und die Jungen blickten verdutzt drein und schämten sich, waren wie angefroren.

Sie machte kurz ihre Augen zu und warf den Stein mit all ihrer Kraft, so wie es ihr ihr Bruder gezeigt hatte. Nicht nach oben, sondern nach vorne. Er drehte sich kaum im Flug, der Stein, und traf den größeren Jungen direkt auf die Schläfe. Sofort sackten seine Knie ein und er fiel hin, das alte Boot kippte um und alle landeten im Wasser, auch das Glas mit den Fröschen, der Deckel des Einmachglases lag nur lose auf und sie konnten fliehen.

Die beiden kleineren Jungen schwammen zum Steg, sie weinten. Am Ufer fingen sie an zu rufen, „Aarnold, Aaaarnoooold!!!“. Das Mädchen hatte gesehen, wie Arnold einfach unterging, als ob er schlief. Der Julitag fühlte sich plötzlich ganz kalt an. Und während die beiden Jungen verzweifelt am Ufer auf und abliefen und schreiend und gestikulierend die Stille des Weihers durchschnitten, verließ der letzte Atemzug Arnolds Lunge und brackiges Wasser trat an dessen Stelle. Der Tod nahm Besitz.

Die Jungen, anstatt ihren Freund aus dem nur 1 Meter 50 tiefen Wasser an Land zu ziehen, rannten in Panik Richtung Dorf, um Hilfe zu holen.

Das kleine Mädchen trat heran an den Steg, beobachtete die letzten Luftblasen, die durch das Wasser nach oben flogen, und lächelte.

Es wandte sich an die Stimme, diesmal in der Schriftsprache.

„Und nichts davon ist echt?“

-„Nein kleines Mädchen, nichts davon ist wahr.“

„Wirst du jetzt aufhören an mich zu denken?“

-„Ja.“

„Wird es wehtun wenn ich nicht mehr da bin?“

-„Nein.“

„OK. Tschühüß.“

-„Tschüß kleines Mädchen.“

.

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Ava Odoemena
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11 Antworten to “Der Julitag der kleinen Totschlägerin [Kurzgeschichte]”

  1. fressack Says:

    Ich bin hin & weg.
    Frau O. als Froschkönigin. Schnief.

    • Kabi Says:

      Normalerweise ist ja komplettes Ignorieren das einzig sinnvolle, aber jetzt muss ich doch mal fragen, kannst du nicht EINMAL den Rand halten?

      • fressack Says:

        Nein.
        Zumindest nicht bei solch überwältigenden Bildern.
        Die schriftliche Fixierung des Pälzischen allerdings nötigt mir Respekt ab.

  2. Kabi Says:

    Ich wollte erst gar nicht kommentieren, weil das so großartig, schmerzlich-schön ist – und es so schön allein stehen bleiben kann.
    Aber jetzt schreib ich das doch. Da finden sich ein paar Metaphern – die so treffen – als ob man sie gesucht hätte, ohne es zu wissen. Bewegendes, genussvolles Lesen.
    Und die Dialekt-Transkription ist herrlich ^^

  3. clemens sebastian Says:

    verdächtige „Metapher“ übrigens

    „als ob man sie gesucht hätte, ohne es zu wissen“

    clemens

  4. clemens sebastian Says:

    hallo Ava

    wo du jetzt noch ne Analyse liefern würdest
    wär ich überwältigt
    die Vorposter sin ja nich sonderlich weit gekommen
    wo du selber die Analyse machst
    ist die sicherlich treffsicher
    ich könnte mal ein Stichwort liefern

    Code Bestimmung Freiheit

    mir als „absoluter“ KafkaFan
    sind Analysen eine Gewohnheit

    bin Musiker
    un da macht man das so

    „die Schönheit“
    un der Gehalt

    ne kleine Kritik an der Schönheit

    „Der Juli hatte mit der Macht seiner Schönheit alle Seelen gepackt und bließ ihnen die Schwermut von der Haut wie ein Tornado die Ziegel vom Dach“

    Ziegel als Schwermut
    Seele als Schönheit

    clemens

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