Nichtveganes Umfeld: Sind Symbolanten freundschaftswürdig?

Zuerst einmal, was sind eigentlich Symbolanten, oder Symbolantismus? Das ist gar nicht so einfach zu erklären, da wir alle mehr oder weniger davon betroffen sind. Je näher das Unangenehme des Symbolantismus an uns selbst dringt wenn wir darüber sprechen, desto schneller baut sich eine Abwehr auf.

Vielleicht versuche ich es mit einem Beispiel für eine harmlose, symbolantische Reaktion.

Ich stelle meine Sojamilch selbst her, die Milch muss am Ende der Herstellung vom Schrot getrennt werden, dafür nimmt man Tücher zum „sieben“. Die Milch wird durch ein Tuch geschüttet, welches dann ausgewrungen wird. Übrig bleibt der Schrot, bzw. Trester oder Okara.

Das Tuch muss besonders stabil sein, da es mithilfe von Stöcken kräftig gewrungen werden muss, und am besten eignen sich hierfür Seitücher vom Spezialhandel, oder aber Stoffwindeln, die im Vergleich wesentlich günstiger sind.

Der Symbolant würde nun vielleicht die Erinnerungsadresse oder das Symbol Windel mit Exkrementen assoziieren, und verknüpft diese Ekel-Assoziation jetzt mit dem Lebensmittel das damit in Berührung kommt, bzw. schafft es einfach nicht, den Ekel zu lösen und die Wahrheit wahrzunehmen wie sie ist: Eine unbenutzte Stoffwindel ist einfach ein Stück Textil, welches viele Funktionen erfüllen kann, die nichts mit der vorgegebenen Funktion zu tun haben muss.

Das geht so weit, dass der Symbolant z. B. die Verwendung einer frischen Stoffwindel auch als Putzlappen als unhygienisch empfindet.

Der Symbolant zeichnet sich also dadurch aus, dass seine Weltsicht in sehr rigide und vor allem unflexible Raster eingeteilt ist, im Extremfall betreibt er seine Normalität quasi als Psychose. Dabei muss der Symbolant noch nichteinmal sehr konformistisch sein. Auch eine symbolantische Künstlerin – deren innere Rigidität in ihrem Umfeld verhaftet ist – hätte eine Malblockade wenn das Model von dem Tag eine Beinprothese hätte.

Ein Merkmal von Symbolanten ist, dass sie pampig reagieren wenn sie die Realität nicht in ihr Raster integrieren können, und vor allem zeichnen sie sich dadurch aus, die Reparatur ihres Rasters der Wahrheit vorzuziehen. Ich möchte nicht sagen dass alle Spießer Symbolanten sind, denn Spießer ist zu verknüpft mit rechtem (Klein)Bürgertum. Symbolhafte Rigidität aber findet sich überall.

Manche Symbolanten sind so verhangen in ihrem rigiden Weltbild und der schablonenhaften Pseudonormaliät, dass ihr Bewusstsein eher einem Wachkoma gleicht, und sie sich vor Neugier und Veränderung fürchten, auch wenn sie positiv wäre.

Wenn sich jemand dazu entscheidet vegan zu leben, dann kann es sein, dass es im Umfeld Symbolanten gibt, die sich sofort entlarven. Denn der Symbolantismus bezieht sich nicht nur auf Dinge und Zusammenhänge, sondern auch auf andere Menschen. Die Person die du bist (oder zu der du dich verändert hast), stimmt eventuell überhaupt nicht mit dem Bild überein, das der Symbolant von dir hat. Der Symbolant ist nur darauf bedacht, dass die Menschen in seiner Umgebung das Raster seines Weltbildes nicht verletzen. Dieses Seins- u. Verhaltensraster im Kopf des Symbolanten hat eine gewisse Bandbreite. In ein Fitness Studio gehen ist für ihn in Ordnung. Gymnastik an der Bushaltestelle nicht. Nicht nur würde er (oder sie) an einer Bushaltestelle keine Gymnastik machen, sondern er wäre auch zutiefst irritiert, wenn es jemand anders täte. Nur wenn er in China wäre, wo in seiner Erinnerung das Phänomen vorhanden ist, dass das in China normal ist, öffentlich Bewegungsübungen auszuführen, fände es das nicht anstößig.

Aber vegan zu werden, ist in der Weltsicht des Symbolanten nicht nur eine Dehnübung an der Bushaltestelle, sondern ein nackter Salto Mortale auf einer Verkehrsinsel, mit lautem ABBA-Gesang. Es ist ganz egal ob du ein mittelschichtiger Typ mit gutem Job und nichtschrillem Leben bist. Der Symbolant wird seine Assoziation von Veganern auf dich übertragen, ganz egal ob die der Wahrheit entsprechen oder nicht. Er ist nunmal nie richtig wach. Seine Stereotypen von Veganern werden sein Bild von dir, mit allen Konsequenzen. Wenn der Symbolant Veganer unter „Feind“ eingeordnet hat, dann bist du jetzt eben Feind, auch wenn die Freundschaft oder Bekanntschaft seit Jahren ohne Probleme verlief. Denn das bedeutet nur, dass du bis dahin die Bandbreite des Normalitätsrasters nicht verletzt hast. Dein Verhalten verlief zufällig parallel zur Verhaltenserwartung des Symbolanten.

Vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen ist der Symbolant behindert, und kann mit großen Veränderungen überhaupt nicht umgehen. Ganz egal, ob du vegan wirst, im Lotto gewonnen hast, an Krebs erkrankt bist, durch einen Unfall plötzlich querschnittsgelähmt oder ob du deine Depression überstanden hast und daraufhin einen attraktiven Partner gefunden hast. Der Symbolant wird sich von dir abwenden, zumindest innerlich.

Der Symbolantismus ist im Prinzip eine lebenslange Altersstarre.

Muss eine Trennung von einem Symbolanten wirklich wehtun, oder kann man das als unnötiger Lebensballast (und somit der Ausdehung der eigenen Freiheit) abhaken? Nein, es darf getrauert werden! Denn für den Nichtsymbolanten war ja alles echt. Und es ist auch erstmal ein Schock zu realisieren, dass man es mit jemanden zu tun hatte, dessen Innenwelt bestens als dauerhypnotischer Zustand umschrieben werden kann.

Ist das eventuell „heilbar“, diese „Bewusstseinsbehinderung“?

Nicht wirklich ganz, denn auf einer fundamentalen Ebene, ist dies nunmal die Funktionsweise des Bewusstseins. Das Spannungsfeld zwischen Prognose und Erinnerung, das Eruieren von Daten welches die Sinnessensoren liefern, die Bildung von Kontexten und Zuweisung ist alles virtuell. Die Welt die wir sehen um uns herum ist eine Interpretation der Welt. Selbst das wachste Wach ist eine Variante des Schlafs… für uns alle.

Die Frage ist nur, in wie weit lassen wir die Automatismen des Bewusstseins sacken? Es ist eine Form der Blindheit, gegen die man sich wehren kann, und es benötigt noch nicht einmal Energie. Es benötigt dazu lediglich die Liebe zur Wahrheit.

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Ava Odoemena
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7 Antworten to “Nichtveganes Umfeld: Sind Symbolanten freundschaftswürdig?”

  1. nimrod77 Says:

    Hallo Ava,
    gegenfrage: wäre denn der „Neuveganer“ , der ja nach nach Deiner Definition ehtisch motiviert ist in der Lage zu dem omnivoren Symbolaten eine entspannte Beziehung aufrecht zu erhalten? Der Symbolant mag den Veganer als Feind sehen, weil dies seinem Vorurteil entspricht. Muss der Veganer den Symbolanten nicht zumindest als „ethisch minderbemittelt“ oder schlimmere einstufen wenn der Symbolant nicht asap auch vegan wird?
    Ich unterstelle mal einen Fall wo der Symbolant den Neu Veganer in seinem Bekanntenkreis als freakig einstuft; der Symbolant mag zufälligerweise Freaks aber er möchte trotzdem nicht auf sein Steak verzichten. diesen Standpunkt vertritt er wortgewandt und zynisch.
    Ich glaube der Veganer hätte ebenfalls Schwierigkeiten diese Beziehung fortzusetzen oder?

  2. Ava Odoemena Says:

    Ich glaube der Veganer hätte ebenfalls Schwierigkeiten diese Beziehung fortzusetzen oder?

    Nicht unbedingt und pauschal. In der Anfangszeit gibt es schon ein sehr starkes Bedürfnis, sich von der nichtveganen Umwelt (ha! das war eben ein netter Vertipper als Unwelt) abzugrenzen, und überhaupt erst mal eine traumatische Phase des Verlustes von Urvertrauen durch zu machen. Ich habe das schon mal hier angesprochen: https://veganesauge.wordpress.com/2009/12/06/vom-leben-mit-netten-mordern/

    Nach einiger Zeit aber lernt man die Welt zu akzeptieren wie sie nunmal ist, und ich plädiere nicht dafür alle Beziehungen abzubrechen, aber natürlich auch nicht, sich demütig unterzuordnen, sondern auch persönliche vegane Interessen die einem selbst betreffen auch einzufordern. Wenn *das* nicht klappt, dass elementarstes nicht gewährleistet ist, das heißt es schneiden, Diskriminierung oder antivegane Provokation gibt, dann sollte man schon eine ökonomische Nutzen/Investment Analyse machen, sozusagen.

  3. nimrod77 Says:

    Hallo Ava,
    ein schwieriger Weg, ich sehe da wenn schon keine kognitive- so doch eine häufige emotionale Dissonanz.
    Ich glaube, wenn ich Veganer wäre würde ich schleunigst eine vegane Gemeinschaft aufbauen und meine Kontakte zur „Blutwelt“ auf das mir zuträgliche Mass und den Aktivismus beschränken

    • Ava Odoemena Says:

      Ich glaube, wenn ich Veganer wäre würde ich schleunigst eine vegane Gemeinschaft aufbauen und meine Kontakte zur “Blutwelt” auf das mir zuträgliche Mass und den Aktivismus beschränken

      Das habe ich eine Zeit lang genau so gehandhabt, aber eine innere Zuwendung, zumindest bei Freundschaft (Beziehung ist nochmal eine andere Kategorie), geht auch zu Menschen die sich nicht entsprechend meinen ethischen Grundsätzen verhalten. Den Menschen so annehmen wie er oder sie ist, hindert mich doch nicht daran, an anderen Orten aufzuklären und „neue Veganer zu machen“. IMO muss im Beziehungsgeflecht keine Synchronität vorherrschen.

      Ich habe irgendwann auch wieder verlorene Kontakte reaktiviert, teils aus meiner Jugend, und wenn auch eine Grenze da ist, es gibt eine gemeinsame Vergangenheit und das verbindet.

      Allerdings habe ich Kontake zu Symbolanten konsequent gekappt, schon früher, als ich für mich noch nicht klar definiert hatte, was da für Dynamiken im Gange sind. Obwohl ich natürlich gerne wissen würde, wie man die wach bekommt. Vielleicht sollte ich es mal mit Fingerschnippen versuchen:-)

  4. Ein paar Gedanken über die Zukunft der Nichtarbeit « Veganes Auge Says:

    […] Veganes Auge Kritische Blicke auf den Antiveganismus « Nichtveganes Umfeld: Sind Symbolanten freundschaftswürdig? […]

  5. Claude Martin Says:

    Dieses Wort hast du jetzt gerade erfunden, oder? ;-)

    Also ich fänd’s sehr seltsam wenn jemand Fitnessübungen an der Bushaltestelle machen würde. Vielleicht würde ich trotzdem mitmachen, nur damit sich der arme nicht so alleine vorkommt.

    • Ava Odoemena Says:

      Das hatte ich doch gar nicht behaupet, dass das ein neues Wort ist. Ist doch schön dass ich es erfunden habe und nicht die Schweizer:-)

      Wer sagt denn dass sich jemand mit genug Selbstbewusstsein, an einer Bushaltestelle Chigong zu praktizieren, alleine vorkommt? Alleine sind doch in ihrer Gemeinsamkeit eher die, die gehemmt dastehen und sich langweilen.

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