Der Naturwahn grassiert

In einer verwunderlichen Mischung aus Herdentrieb und Milgram-Autoritätsglaube docken sich Menschen an scheinbar beliebigen Dingen an, wie eine Kompassnadel gen Norden. Nur eben dass die Richtung nicht immer die selbe ist. Wie Eisenspäne folgen sie den Magneten wenn die sich bewegen, ein unheimlicher Magnetismus.

Unheimlich, denn das „System“ ist gleichzeitig so überöffentlich und tiefer-als-psychologisch, dass es von den meisten gar nicht wahrgenommen wird, wie ein geruchloses Gas dessen Anwesenheit man nicht bemerkt. Die Menschen atmen es einfach, egal ob es sich um Luft handelt oder Kohlenmonoxyd. Eine Schneeflocke soll sich ja auch erst dann bilden, wenn an einem Staubkern die Feuchtigkeit, die zuvor noch als Dunst umherschwebte, an diesem Dockpunkt reagieren kann. Ein physikalisches Geschehen. Eine genetisch verdrahtete StrassenverkehrsUNordnung also, die sich ad hoc verändern kann, da die Regeln von Außen bestimmt werden? Es dünkt Ebenen unterhalb der Psychologie zu geben, in denen wir wirklich so primitiv sind.

Denn es scheint keinen Warnmechanismus zu geben, nur ein schreckliches Experiment aus Versuch und Irrtum, schrecklich, denn die Heuristik hat zumindest ein Ziel, nämlich die Überwindung einer Hürde. Die Heuristik der Selbstorganisation des Homo Sapiens als Gruppe aber gleicht der eines frisch geköpften Huhns.

Es ist nicht gleich jede Spiritualiät Esoterik, und nur wenige Biokonsumenten handeln wahnhaft. Es gibt immer gute Gründe gegen manches „Künstliche“, wie z. B. genveränderte Pflanzen oder Atomkraft. Auf der anderen Seite ist der Faschismus nichts anderes als eine darwinistische Naturreligion auf Bakterienintelligenz, und viele Naturwahnhaften neigen zur totalitären Meinungsbildung. Die Sehnsucht nach Ordnung von Außen zur Stütze des inneren Vakuums ist ein Leitmotiv von irrationalen Glaubenssystemen, im Naturwahn äußert sich das zum Beispiel über die bedingungslose Gleichsetzung von natürlich mit gut, magisches Denken und die Leugnung von Fakten. Wie oben umschrieben betrifft das nicht nur Vertreter des rationalen Veganismus die oft Konflikte ausfechten müssen mit z. B. Rohkostveganern, von denen einige, nicht alle, sehr naturwahnhaft sind. Sondern wenn sich morgen jemand auf den Alexanderplatz stellen würde und behauptete, er sei von einem anderen Planeten und hier, um die Welt zu retten, würde es nicht lange dauern bis ein paar Gläubige andocken. Egal wie absurd.

Diese antiaufklärerische Entwicklung ist ein gesellschaftliches Problem, denn reale Probleme lassen sich nur mit Realismus bewältigen. Im „Veganismus“ haben wir so „Außerirdische“, die ihre Devoten um sich scharen, wie Konz oder Bruker. Die haben mit Veganismus nichts zu tun, sondern der (irrationale) Entzug von Nahrung ist eine Variante einer komplizierten SM-Sexualität, bei der die so sich Liebenden keine direkte Beziehung eingehen, sondern quasi auf Distanz Regeln und Rituale erteilen und befolgen. Eine Metasexualität. „Gesundheit“ ist hier nur die Rechtfertigung und das Feigenblatt für das, um was es wirklich geht: Dominanz und Unterwerfung. Die Menschen könnten sich anarchistisch organisieren, aber Führen und Folgen als Organisationsform scheint evolutionär verdrahtet. In einer überorganisierten Gesellschaft suchen sich diese Instinkte andere Ventile, es kommt zur Bildung von einfach strukturierten, „neolithischen Dörfern“ als Inseln im Meer postmoderner Komplexität.

Als gäbe es nicht bereits viele andere Engergiefresser, mit denen sich der Veganismus herumschlagen muss (Speziesismus/Antiveganismus, Tierschutz, Nihilismus, etc. pp.), wird uns nichts anderes übrig bleiben als auch hier immer wieder Nein zu sagen. Der Wille zur Wahrheit ist kein Verhandlungsposten sozialer Toleranz. Dafür ist die Wahrheit viel zu kostbar.
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Ava Odoemena
(n. verantw. f. Werbeeinblendungen)

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31 Antworten to “Der Naturwahn grassiert”

  1. Wilhelm Says:

    Hiermit fordere ich die Zeit, die mir beim Lesen deines obigen Textes verloren gegangen ist, umgehend von dir zurück. Also, Ava Odoemena, sag an, wann, wo und wie ich mir die von dir gestohlenen Minuten am besten zurückholen kann.

  2. Michael Says:

    >“neolithischen Dörfern” als Inseln im Meer postmoderner Komplexität.
    Anspielung auf die Panokratie? IIRC hatten der doch auch sone Idee.

    • Ava Odoemena Says:

      Nein in dem Kontext meinte ich eher das Gegenteil einer strukturierten Anarchie. Diese „mystischen“ Gruppierungen die sich bilden, folgen ja keinem konkreten Ziel, sondern nur ihrer irrationalen Ideologie. Die „neolithischen Dörfer“ sind auch sinnbildlich gemeint, nicht direkt. Neolithisch meinte ich hier im Sinne von primitiv, Schwarz-Weiss, Gut-Böse, Künstlich-Natürlich usw. als Orientierung und Gegenmodell zur komplexen, postmodernen Gegenwart. Realitätsflucht gewissermaßen.

      Mit Herrschaftsfreiheit hat das dann nichts zu tun.

  3. Murph Says:

    Die haben mit Veganismus nichts zu tun, sondern der (irrationale) Entzug von Nahrung ist eine Variante einer komplizierten SM-Sexualität […]

    Iss den Giersch Ava, jaaaahhh, und mach Bilder xD
    Nah… Giersch ist wirklich lecker ,-)

    Netter Text, aber ich muss Wilhelm doch ein bisschen beipflichten wenn ich sagen muss, du hast imho ein bisschen nachgelassen. Das soll jetzt kein Vorwurf sein; immerhin machst du den Blog ja zu deinem Privatvergnügen.

    Diese Konglomerate von Interessengruppen, die sich so bilden, sind tatsächlich evolutionär verdrahtet – wie bei allen anderen Herdenviechern auch. Aber man kann dem ja entgehen wenn man seine grauen Zellen ein bisschen anstrengt… in Zeiten bewusster Verblödung und Bildungsentzug von Oben sicherlich eine utopische Forderung.

    • Ava Odoemena Says:

      Iss den Giersch Ava, jaaaahhh, und mach Bilder xD
      Nah… Giersch ist wirklich lecker ,-)

      Ist das bitter oder so?

      Vorwurf sein; immerhin machst du den Blog ja zu deinem Privatvergnügen.

      Was heisst Privatvergnügen, mit Veganes Auge vertrete ich schon einen politischen Anspruch, deshalb nehme ich Stimmungen außerhalb von Zugriffszahlen auf jeden Fall auf, aber mit „entsetzter Pauschalkritik“ wie von Wilhelm kann natürlich niemand was anfangen…

      • Murph Says:

        Ist das bitter oder so?

        Überhaupt nicht. Mit Zwiebeln und Orangensaft ist der sogar richtig lecker… gekocht versteht sich; also Schlechtkost ;-)

        Naja, mit Privatvergnügen meine ich: Du bist ja hier der Boss und kannst durchaus schon selbst entscheiden, was du schreibst und was nicht. Ich kann auch nur schwer formulieren, warum ich mit den Artikeln weniger zufrieden bin, als früher. Ich habe einfach das Gefühl du lässt dich vom Kernthema „Antiveganismus“ ein bisschen wegdriften (dieser Artikel hier ist wieder eher auf Linie – aber „Pech der Sklaven“/“Glück der Maschinen“ imho weniger).
        Ich kann es echt nicht genauer fassen, tut mir leid :-)

  4. moglee Says:

    Das ist mal wieder ein Beitrag von Dir, der meinen geistigen Horizont überfordert.

    Mir persönlich sind die paar „Naturwahnsinnigen“ viel lieber, als die große Masse an „Naturzerstörungswahnsinnigen“, die von Jahr zu Jahr mit zunehmender menschlicher Populationsdichte, immer größere Zerstörungen an der „Natur“ anrichten. Aber das bekommt man in einer Großstadt wie Berlin wohl eher nicht so mit.

    • Ava Odoemena Says:

      Blognachbarin Schwarze Katze hat sich auch mit dem Thema auseinander gesetzt und nicht veravaschachtelt:-) http://jobresearch.wordpress.com/2010/04/06/wertewandel/

      • moglee Says:

        Soweit hatte ich Deinen Beitrag schon kapiert. Ich kenne halt ein paar der von Dir kritisierten „naturwahnsinnigen, spirituellen Esos“ persönlich. Lasse über die nix kommen, sind alles sehr liebe Leute, die keinem etwas Böses wollen, auch nicht herrschaftlich. Habe aus diesem Grunde vor ein paar Jahren auch mal den Versuch gestartet Rohkost-Veganer zu werden, bin aber schon nach 5 Wochen kläglich gescheitert und habs seither nicht wieder versucht. Dennoch, ich bewundere die naturwahnsinnigen veganen „Rohkosts“ und alle die ich kenne leben noch, wie es den Anschein hat sogar sehr gut und zufrieden damit. Sie sind meiner Meinung nach einer noch größeren Isolation mit den üblichen Spießerangriffen ausgesetzt als der Normaloveganer, schon aus diesem Grunde haben sie meine volle Solidarität.

      • Ava Odoemena Says:

        Also Moglee, ich werde mich jetzt nicht erneut rechtfertigen für meine Position zu Rohkost, denn das habe ich schon ein paar mal breit erläutert dass ich weder was gegen Rohkost noch gegen Rohköstler habe.

        Das ist aber völlig unabhängig davon, dass es mir bei dem Enzymquatsch und „denaturierten Proteinen“ die Zehennägel hochklappt.

        *Diese* Art der Rohköstler sind halt genau *die* Pantheisten, mit denen ich als Tierrechtlerin am meisten zu tun habe. Und wenn es um Fakten und Wahrheit geht, gehe ich keine Kompromisse ein.

        Ich habe auch eine liebe Bekannte die in so einem Esozeug drin hängt, und ich sage ihr das offen dass das für mich Quatsch ist. Sie lacht das weg und gut is. Dennoch haben wir einen regelmäßigen Austausch. Aber sie weiss auch genau womit ich halt gar nix anfangen kann.

        Darüber hinaus sehe ich das Sickern von esoterischen oder pantheistischen Ideologien in den gesellschaftlichen Mainstream ganz klar als Gefahr für die Freiheit.

      • moglee Says:

        Das geht mir nicht anders als Dir, finde Deinen Standpunkt auch grundsätzlich okay. Vertrete meinen Standpunkt auch klar, gerade gegenüber Esos und Theisten, mehr kannste eh nicht tun. Dennoch sind mir diejenigen die erhalten wollen lieber als jene „Wachstums-Wachstums-Deppen“ die nur am zerstören und zumüllen sind.

        Viel gefährlicher ist für mich der „gesellschaftliche Mainstream“ mit seinen abgehobenen Lebensgewohnheiten. Mir liegt halt der Erhalt der Erde im Sinn, deshalb diese Denke. :)

  5. Kabi Says:

    Ich muss zugeben, dass ich bei dem Artikel auch bei weitem nicht jedem Satz folgen kann. Aber ich denk das ist halt ab und zu mal so. Muss jeder selbst wissen, aber ich gönn mir da auch mal etwas Gelassenheit. ; )
    Vielleicht geht gelegentliche Schwerverständlichkeit ja einher damit, dass Ava nicht immer grade sehr eindimensionale, alteingedachte, konventionell formulierte Dinge schreibt…
    Wenn einem viel an genauem Verständnis liegt, muss man halt versuchen literaturkritische Methoden der Wahl aufzufahren ; ) und/oder gezielt nachfragen und/oder sich damit begnügen, nur das zu verstehen, was man halt grad so verstehen kann (oder will, soll ja auch vorkommen).

    Ich zB hab hier einen Rezeptionswandel von „Wat? SM? Haha, ja nee wie kommtse denn jetzt daadrauf!?“ zu „Interessanter Vergleich, der einen Aspekt dessen, was beschrieben wird, neuartig und imo erkenntnisbringend beschreibt. Meine erste Lesart war viel zu oberflächlich und zu sehr auf die Vergleichsquelle konzentriert. Kann aber sein ich bieg mir da grad was zurecht (…)“ ; )

  6. Hans_49 Says:

    Danke Ava für den Bloglink zu „Schwarze Katze“. Ihr seid beide Spitze !

  7. Hans_49 Says:

    Liebe Ava, Schwarze Katze sucht neue Jagdgründe.

  8. nimrod77 Says:

    Hallo AVA,
    schön für Dich das Du die „Warheit“ gefunden hast.
    Ich dachte immer in einem aufgeklärten
    naturwissenschaftlichen Denken hätten nur mehr oder minder
    gut belgte und nicht falsifizierte Hypothesen Platz.
    Naja, da habe ich mich wohl getäuscht.

  9. heike sebastian Says:

    nicht du zu
    du ava

    • moglee Says:

      Heike, was hat Dir Dein Mann Clemens, der mit dem Rottweiler, der Dich täglich bekocht, denn gestern wieder für komische Psychopilze ins Essen gemischt?

  10. heike sebastian Says:

    kapierst du nich gell

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