Eindrücke von der Veganfach

Es war voll, richtig voll. Von Reinigungsmitteln aus Rote Beete bis zu Rohkost-Snacks, Textilien, veganen Dildos und Kuchen gab es ein breites Angebot. Die Besucherstruktur war sehr gemischt, jedoch eher jünger. Die vorwiegende Kleidungsfarbe war schwarz.

Gleich in den ersten Momenten nach dem Eintreten gabs für mich ein besonderes Schmankerl Realsatire: Am Ministand der Veganen Gesellschaft beruhigten sich gegenseitig zwei B12-Leugner mit einem Austausch bekannter B12-Deppenmeme aus der Naturesoszene („man muss nur viel Rohkost essen, das reinigt den Darm und dann kann er auch B12 aus Pflanzen besser aufnehmen“), worauf der andere Memkopierer entgegnete, dass man sich aber doch regelmäßig testen lassen sollte, auch wenn er persönlich nicht an den B12-Mangel glaube (sic).

Dass diese Tests direkt unvegan sind, also Extrakte aus Schweinekörper enthalten und sowieso unnötig sind wenn man B12 banal und vernünftig supplementiert (oder auf der nächsten Veganfach ein Nahrungsmittel welches mit der Bärwald-Methode fermentiert wurde vorstellt), hat sich in den Leugnerkreisen offensichtlich noch nicht rumgesprochen. Man weiß diese Sachen ja auch erst seit 30 Jahren.

Kopfschüttelnd aber dennoch kommentarlos machte ich mich von dannen. So schnell wollte ich mir meinen Samstagnachmittag dann doch nicht, pardon, versauen.

Nachdem ich die erste Runde der Aussteller abgegrast hatte, lauschte ich einem Vortrag einer Marketing(?)-Frau von der Prolupin GmbH, ein Unternehmen das viel Interessantes mit Lupinen vor hat, basierend auf einem Forschungsprojekt der Fraunhofer-Gesellschaft. Lupinen sind das bessere Soja. Unter anderem gibt es jetzt endlich das seit Jahren versprochene Lupinesse-Eis, ein tierfreies Speiseeis was wohl über die Edeka-Handelskette vertrieben wird. Ich werde demnächst mal danach fragen. Die Firma Prolupin plant noch weitere Alternativen zu tierlich basierten Nahrungsmitteln, so mit richtig Geld und hohen Ansprüchen dahinter. Ich bin sicher wir werden aus der Ecke noch sehr viel interessantes hören und vor allem schmecken. Leider waren die Proben alle vergriffen und so ging ich leer aus. Den Namen der Mitarbeiterin hatte ich mir wie alle Namen bis auf meinen eigenen nicht gemerkt, konnte mir nach dem Vortrag über die Poteniale der „Süß“-Lupine aber die Frage nicht verkneifen, ob man plane, die Produkte zum Beispiel mit B12 anzureichern. Mit einigem Erstaunen vernahm ich, dass ein Vorteil der Lupine ihre Fähigkeit sei, mit Hilfe von Bakterien Vitamin-B12 zu synthetisieren. Nach einem kurzen Mini-Gegen-Vortrag über die Problematik mit B12-„Analoga“ versicherte mir die Mitarbeiterin das Thema bei den Besprechungen aufzugreifen.

Jetzt drehte ich meine zweite Runde durch die zwei anderen Hallen mit einem etwas detaillierterem Blick auf die Produkte. Vieles kannte ich schon, auf die Messe hatte sich aber auch ein Pferdefutter-Vertrieb verirrt (WTF), der Hanf-„Pellets“ für Pferde vertreibt, allerdings auch Hanföl, Hanfsamen und Hanfmehl. Hanföl ist ernährungsphysiologisch besonders wertvoll, wer einen Teelöffel zum Salat gibt tut sich etwas wirklich gutes.

Eine Person die raussticht ist Kim Kalkowski von veganwonderworld.de / veganwondercakes.de aus Dortmund, die auch mit einem Stand vertreten war. Hübsch anzusehen mit der tollen Schminke und den Haaren und den Tattoos. Ich habe überlegt ob ich mich vorstellen soll, nur, was hätte ich sagen sollen? „Hallo ich bin Ava, ich bin die, die sich über den Faltblatt-Aufkleber-Scheiß beschwert hat den ihr da immer mit reinpackt in den Karton, und dass es bei euch keine deutschbedruckten Textilien gibt.“

Apropos Textilien. Habe kein einziges Oberteil/Hemd gesehen, auf dem veganpolitisches in der Sprache der Empfänger stand. Wer politisch Anglizismen spazieren trägt, dessen Botschaft verschwindet hinter der Scham für die eigene Sprache, oder reduziert Politisches auf einen dekorativen Aspekt. Warum nicht gleich mit einem Mundknebel auf die Straße gehen um diese besondere Form der Sprachlosigkeit zu kommunizieren?

Als ich zurück kam in die große Vorhalle, wurde Urkostvertreterin Brigitte Rondholz angekündigt von Vagedes. Überrascht war ich nicht wirklich, durch die vielen Rohkoststände war ich schon vorgewarnt. Ich entschied mich für etwas masochistischen Genuss und hörte zu. Ich habe allerdings nur ca.. fünf Minuten ausgehalten, und bevor die Buhs, die sich in meiner Kehle angesammelt hatten beginnen konnten, sich eine Bahn ins Freie zu brechen, ging ich und bestellte in einer anderen Halle einen veganen (Achtung Wortwitz denn die Urkost ist kalt) Hot-Dog.

Hier passierte etwas bezauberndes. Während ich wartete bemerkte ich ein Pärchen hinter mir, die junge Frau hielt etwas vegane Schokotorte auf dem Papierteller, die sehr, sehr lecker aussah. Ich fragte sie wo sie die denn her hatte, und sie zeigte auf den Stand. Dann fragte sie mich, ob ich die gute Hälfte des Stücks denn haben möchte, sie würde es eh nicht mehr schaffen. Vermutlich ein Akt der Gnade, so sehnsüchtig muss mein Blick gewesen sein. Im ernst frage ich zurück und ohne mit der Wimper zu zucken nahm ich kichernd den Pappteller und bedankte mich und suchte prompt einen Ort, an dem ich mich der gepflegten Schokoladenmasturbation widmen konnte.

Nachdem ich zu feige gewesen war die Rondholz von der Bühne zu buhen, konnte ich wenigstens provozierend einen heiß dampfenden, chemisch-synthetischen Kunst-Hot-Dog mampfen, danach die gespendete Schokotorte. Herrlich. Vielleicht liest meine Schokotortengönnerin das hier ja mal, an der Stelle nochmals danke, es war super lecker. Weder der Urkost-Brigitte ihre einjährige Entgiftung über das Nagelbett, ihr Handgeschwür oder ihre tolle Menstruation konnten dem Genuss etwas anhaben.

Nach gefühlten zwei Stunden las die Rondholz immer noch von ihren Folien ab, ein Traktat über Urkost (die im Wesentlichen eine Kolonisierung der Pflanzenheilkunde ist, vermischt mit etwas Wahn, Pantheismus, Realitätsverleugnung und darwinistischer Menschenverachtung) ist auf einer veganen Messe eine Zumutung. Da hätte man dann auch Gabi vom UL auf Bühne lassen können…

Apropos. Her Supreme Master betreibt in Deutschland ein veganes Gästehaus, und die waren auch da. Sogar mit einem Monitor wo eines dieser Videos lief. Genau das, ja, mit den 100 Untertiteln in Englisch, Deutsch, Chinesisch und Arabisch usw.

Ich fing an, mich zu langweilen, schließlich war ich alleine hingegangen und mein Gehirn kam mit der Speicherung und Analyse der Gesichter nicht mehr nach.

Ach eines hätte ich beinahe vergessen. Im Hof zwischen Halle zwei und drei war das schweizer Veganmobil aufgebaut, mit einem riesigen Pappeschwein auf dem Dach und einem Vegantransparent, sowie großem Monitor in dem gut gemachte Antimilch-Propaganda lief. (Unter anderem.) Aber wen wollten die überzeugen von den Überzeugten?

So habe ich mich also viermal geärgert und einmal gefreut. Ich hatte Hanf-Öl gekauft von einem Pferdefuttervertrieb und einen Hot-Dog von vegan basics, der zur Boller-Bande gehört die mich aus ihrem Forum geschmissen haben. Jetzt habe ich schon zwei mal versehentlich Geld bei der Boller-Bande gelassen. Brigittes Urmenstruation wird mich noch wochenlang verfolgen. Das geschenkte Tortenstück aber wird wohlig in Erinnerung bleiben, über Jahre:-)

Nächstes Jahr gehe ich wieder hin, schließlich ist die alte Malzfabrik bei mir um die Ecke. Vielleicht mache ich eine Vitamin-D-Aufsättigungs-Aktion. Auf dem Klo, mit Drogendealer-Atmosphäre. Bis man mich rausschmeisst.

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Ava Ọdọemena
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34 Antworten to “Eindrücke von der Veganfach”

  1. lena jung Says:

    Habe eine umgekehrte Frage: ich muss wegen plötzlicher unbekannten Infektionserkrankung ( so etwas wie Bronchitis) Antibiotika schlucken. Für mich als Veganerin ist es ganz schlimm, weil ich die empfohlenen Joghurts nicht essen kann.. Was mache ich danach für eine Darmkur, welche Probiotika, welche Ernährung würdet ihr mir empfehlen?
    Danke für die Tipps!

    • Ava Odoémena Says:

      Huh? Warum ganz schlimm?! Wegen der magischen Eigenschaften von Tierprodukten? Also erstens würde sich deine Darmflora auch von selbst wieder herstellen, außerdem kannst du einfach Sojajoghurt nehmen, Alpro oder Provamel. Sehr gut wäre auch Sauerkraut oder sauer eingelegtes Gemüse wie saure Bohnen.

      Es kommt hierbei ja nicht auf das Nahrungsmittel an, sondern nur auf die guten Bakterien. Und für die brauchts keine Tiermilch(produkte).

      Wenn du einen Asialaden bei dir um die Ecke hast, kannst du auch Natto kaufen, wenn die welchen ohne Fischsaucentütchen haben. Natto sieht ziemlich eklig aus, ich mags aber. Voll der Schleim.

      Apropos eklig:
      Für Menschen mit schweren Darmerkrankungen wie Zöliakie/Sprue funktioniert offenbar auch eine Kottransplantation von zum Beispiel dem Lebensgefährten. Alternativ könnte man vor einer Antibiotikabehandlung eigenen Kot einfrieren und danach wohlgemerkt über den Anus wieder einfügen:-)

      Man glaubt es kaum, aber dazu gibt es schon eine Wikipedia-Seite:

      http://en.wikipedia.org/wiki/Fecal_bacteriotherapy

      • Laubfresser.de - vegane Rezepte Says:

        Es ist doch immer wieder spannend, wie ablehnend der menschliche Geist auf vernünftige, Heil bringende Maßnahmen reagieren kann… ;)

      • Ava Odoémena Says:

        Hehehe, ich boote halt meine Darmflora lieber mit Sojajoghurt oder Sauerkraut neu.

        Alleine der Gedanke ist ja so abartig eklig, ich darf gar nicht dran denken sonst bekomme ich eine spontane Blüte Lippenherpes:-))

  2. Lyn Says:

    Hi,
    dein Artikel hat mir super gefallen, habe ihn mit einem breitem Grinsen im Gesicht gelesen. Leider bestärkt er mich bloss wieder in meinem Eindruck, dass es wirklich besser ist, sich nicht aktiv in die vegane oder Tierrechtsszene einzubringen, weil man zwangsläufig in die Sch… tritt, bzw. greift.
    Vor allem, weil ich meine Emotionen nicht auf Distanz halten kann und mich dann wahnsinnig aufrege und meiner direkten Umgebung (die nix dafür kann) den Tag versaue (ein Grund, warum ich so gut wie nie in den vegan.de Foren lese…).
    Bitte hör nicht auf zu schreiben, „veganen“ Blödsinn liest man schon genug :o)

    • Ava Odoémena Says:

      Vielleicht müssen die coolen Veganer noch ausarbeiten, welche Veganarbeit sie machen wollen, das war ja bisher immer fremddefiniert von verschiedenen Gruppen mit jeweils ihrer ganz eigenen Agenda. Das wird sich aber ergeben, da würde ich mir keinen Druck machen. So langsam wird das schon.

      Nein, Schreiben werde ich nicht aufhören, für morgen oder Sonntag hab ich was auf der Rampe, Text ist schon fertig, Feinarbeit halt noch und formatieren.

  3. Ava Odoémena Says:

    Apropos Lupinesse-Eis von Pro-Lupin-GmbH. Was für Knallchargen arbeiten da eigentlich im Produkt-Management. Jetzt wurde dieses super Eis bei Edeka rausgeworfen, weil die Erdbeere da monatelang rumstand. Die machen ja immer so Block-Abnahme-Verträge, neue Lieferung gibts erst wenn der Bestand eine untere Schwelle hat, also wenn dann eine Sorte nicht läuft, dann hängt die halt wochenlang im Regal rum. Das sind Mischkalkulation-Deals, da ist eine Sorte billiger in der Herstellung, und das macht mehr Umsatz wenn die dann halt in Kombo mit der teureren (edleren) Sorte verkauft wird.

    Nur, was machen die Knallchargen bei Pro-Lupin? Ihr Erdbeer-Eis ist unvegan, weil sie für das Rot zerstampfte Cochenilleschildläuse hergenommen haben. Wie blöd kann man sein? Damit blieb die Erdbeer-Variante natürlich monatelang im Kühlregal liegen, weil sie von Veganern geächtet wurde. Ergo gingen die Bestellungen runter, ergo blieben die Käufe aus. Ergo zog der Einkäufer die Augenbraue hoch und rechnete vor, wieviel der Parkplatz kostete durch verlorenen Umsatz. Es ist ein BWL-perfekter Selbstzerstörungskreislauf wenn man der Kerngruppe vor die Füße kackt. Jetzt steht da irgendein so ein anderes Eis drin, das so schmeckt wie sich Grill-Schorsch vorstellt, veganes Eis schmeckt. Es schmeckt nach dem was drin ist: Palmfett, Wasser, Soja, Zucker. Eine abartige Pampe. Das Lupinesse-Eis dagegen war ein Halsorgasmus.

    Liebe Produktentwickler und BWL-Knallchargen: wenn ihr Lebensmittel für den alternativen Markt macht, egal ob für Vegetarier, Allergiker und Bioesoteriker, euer Erfolg hängt von der Billigung von Veganern ab. Uns finden zwar alle irgendwie scheiße, aber unser Urteil hat Gewicht.

    Es sind einfach die Zeichen der Zeit. Wir sind die moralische Kosumelite.

    Davon mal abgesehen, liebe Pro-Lupin, hätte euer Markteting in die Mitte der Gesellschaft zielen müssen. Mit der Schleichattacke über den Laktose-Allergiker-Markt und den verprellten Veganern war das nüx.

    Und wie gewinnt man die Mitte(lschicht) für Aussenseiterprodukte? (Danke DGE für diesen entzückenden Propagandaausdruck.)

    Nun, wie hat „fairtrade“ das geschafft? Sie haben die ethischen Vorteile ihres Produkts beworben. Das geht auch ohne Moralinsäure!

  4. Michael Drews Says:

    Vegane Ernährung kann so lecker sein, und zu einem friedlichen Miteinander führen, deshalb verstehe ich diese Anmachsprüche auf diesen Seiten hier überhaupt nicht. Es geht doch auch anders:
    http://www.michael-drews.info/2013/02/27/vegane-ernahrung-kann-so-lecker-sein/

    • Ava Odoémena Says:

      na ist doch prima arbeitsteilung. du machst das nette marketing für die vegane küche, und ich bürste mit meiner polemik die abwässerkanäle des zivilisierten miteinanders.

  5. Michael Drews Says:

    Ja, okay das kann man so sehen. Ich lasse das gern so stehen. An der Entwicklung der heutigen Lebensmittelindustrie und der Massentierhaltung kann man sehen, dass es nur mit einer veganen Ernährung geht.

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