Schuhmachers Unfall: Das Zombiekollektiv verzehrt sich nach einem Führer

In Frankreich ist ein Multimillionär beim Skifahren hingefallen und hat sich weh getan. So weit so schlecht. Diese Randnotiz hat sich allerdings zur Lawine entwickelt, deren hysterische Ausmaße kritische Denker staunend und furchtsam zurück lässt. Angesichts der medialen Sirenen ist es fast verwunderlich, dass Silvester nicht abgesagt wurde, ein Staatstrauertag ausgerufen und Spendenkonten eingerichtet wurden wie für die armen Kinder in Afrika. Man muss doch irgendwas tun können, wie furchtbar! Es geht ihm so schlecht, er kann noch nicht einmal ausgeflogen werden nach Deutschland oder in die Schweiz, sondern muss vorerst im Dritte-Welt-Land Frankreich ausharren und hoffen auf etwas Besserung, dann aber hurtig zu richtigen Ärzten!

Ist diese Gesellschaft so dermaßen jeglicher Substanz beraubt, so durch und durch verseifenopert, die Lebensdarsteller darin so dermaßen abgestürzt, hinein in die Banalität ihrer konsumistischen Pseudo- und Funktionsexistenz, dass sie sich an einem tragischen Helden aufrichten muss? Jemand der sein Geld mit Werbeeinnahmen „verdient“ hat, weil er mit einem Explosionsmotor aus dem vorigen Jahrhundert im Kreis herum fährt?

Das landesweite Aufheulen der Betroffenheitsaktivisten lässt einem furchtsam zurück, weil die Speichellecker hier *nicht* heucheln. Sie sind wirklich tief betroffen und ergriffen ob der Tragik, dass ihr Reich-und-Schön-Held vorerst seine Funktionen eingebüßt hat als Projektionsfläche einer Führerfigur dieser Gegenwart: Viel Geld machen um dann alles kaufen zu können. Schuhmacher verkörpert vermutlich durch ihn selbst völlig unbeabsichtigt einen Monarchen des Konsums, er, „unser“ Junge aus bescheidenen Verhältnissen der es geschafft hat. Was hat er eigentlich geschafft? Er kann so viele Gucci-Stiefel kaufen um alle 55 Zimmer seiner Schweizer Villa damit zu tapezieren? Ja super! Klatsch klatsch klatsch. Wisst ihr was die Formel 1 in ihrer rohpsychologischen Basis eigentlich repräsentiert? Einen Samenerguss. Die Fahrer sind Symbole für Spermien auf dem Weg zum heiligen Gral, dem Ziel, dem Ei. Der Erste darf sich vereinen und entkommt dem Nichts des kalten Universums. Formel 1-Fans sind eine keusche Art von Pornokonsumenten. Und die knallharte Durchökonomisierung des Wettbewerbports ist im Lichte dieser Betrachtung gar nicht so ungewöhnlich, denn auch den Kreuzrittern (Manager) des neoliberalen Knüppeldarwnismus geht es um die Ausschaltung des Schwächeren. Die Hysterie rund um Schuhmachers Unfall hat ergo eine viel sinistere Seite, die Gläubigen sehen mit Entsetzen eines ihrer goldenen Lämmer am Boden.

Und natürlich wird den entkernten Protagonisten dieses Zombiekollektivs nichts besseres einfallen, als Kritikern Neid zu unterstellen. Genau wie sie ihre psychologischen Reflexe hin treiben zu den Führerblasen der postsäkularen Ich-kaufe-also-lebe-ich-Gesellschaft, treiben sie ihre psychologischen Reflexe hin zur einzigen rhetorischen Leistung, die sie noch im Stande sind herauszuzucken: Die Pauschaldiffamierung der Kritiker als dem Neid erlegen.

Wobei der Vorwurf Neid natürlich ein weiterer Reflex ist, ein Übertragungsreflex. In ihrer Ohnmacht des konsumistischen Funktionslebens können sie ihren Neid auf die, die es geschafft haben im Tümpel der Krokodile nur noch durch Umkehr in Verehrung ertragen. Die Auflösung des Selbst im größeren Ganzen, der Mensch als Modul, der Übertrag der eigenen Sehnsüchte auf den Führer hat nicht nur faschistoide Züge, es ist auch Ausdruck einer großen inneren Verzweiflung.

Denn sie spüren, dass die Millionen die es nicht geschafft haben, nur noch die Freiheit haben zu zappeln.

Zappel lieber Unterling, zappel. Es ist alles was du hast. Du bist überwacht und eingeknastet im Wunderland von kauf-dir-was, vom Denken befreit. Und denk dran, das alles geht dich ja eigentlich gar nichts an.

fraktal eines netzwerks

Du hast die Freiheit zu zappeln cc-by-sa-nd Ava Odoemena

.

.

Creative Commons License
Ava Odéména
(n. verantw. f. Werbeeinblendungen)

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

17 Antworten to “Schuhmachers Unfall: Das Zombiekollektiv verzehrt sich nach einem Führer”

  1. primal Says:

    „Wisst ihr was die Formel 1 in ihrer rohpsychologischen Basis eigentlich repräsentiert? Einen Samenerguss.“

    Hoffentlich ist das nicht nur eine Erinnerung an Woddy Allens:“Was Sie schon immer über Sex Wissen wollten,aber sich nie zu fragen trauten“ ;)

  2. neuesdeutschesreich Says:

    @primal

    Wer ohne Volkes Schoß in scheinbarer Freiheit nur sein kleines Ich sucht,ist vom Lichtpfad der eigenen Zukunft weit entfernt!

    Ich habe im übrigen mit dem @Honigmannn nichts zu tun,kenne aber Deine früheren Kommentare,die ich bisweilen auch beantwortet hatte.
    Diese,-sowie Deine dortige Sperrung-, haben aber weder mit mir noch mit meinen obigen Aussagen etwas zu tun!

    @Ava

    Wollte eigentlich hier nicht mehr kommentieren,aber der obige Kommentar von @primal kann so nicht stehen gelassen werden!

    Beste Grüße an alle Tierfreunde!

    ALzD

Kommentar anbieten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s