[Kurzgeschichte] Das Jahrhundert der Traurigkeit

Vater, wie die Zeit vergeht, jetzt ist es schon 2174. Wie selbstverständlich wir mit den technischen Neuerungen umgehen; obwohl auch ich mir schon vor zwei Jahren für mein Gehirnmodem eine nanoselbstassemblierende Flüssigkeit habe spritzen lassen, genieße ich das Schreiben mit der Hand auf Papier. Und doch fühlt es sich nicht mehr wirklich an. Seit dem Beweis in der Teilchenphysik für die große vereinheitlichte Theorie, dass der dreidimensionale Raum nur ein Kontext in einer Art eindimensionalem Übernichtraum ist, wir also in einem Bild leben, fühlt sich nichts mehr richtig echt an. Vielleicht bist du mit deiner Strafe im Kommunikationsgefängnis davon verschont, die Strafe nur einmal im Jahr Kontakt aufzunehmen mit der Außenwelt, und dass auch nur analog ist grausam und Gnade zugleich, hältst du doch etwas in den Händen und liest mit den Augen, so herrlich altmodisch.

eindimensionenraum

Wenn ich jetzt meine Hand über einen Strauch gleiten lasse, dann weiss ich dass unsere 3 Dimensionen als eine virtuelle Origamifaltung auf einem flachen Blatt Papier existiert. Ich komme mit der neuen Zeit einfach nicht zurecht. Zum Glück konnten die Physiker noch nicht richtig beantworten was Zeit ist, so bleibt uns eine letzte Illusion.

Vielleicht werden wir bald wie die Intelligenz der schwarzen Sonne leben. Du hast bestimmt noch nicht davon gehört, es gibt tatsächlich Außerirdische! Mit dem Telequantenscanner der Exobehörde hat man eine, nunja, Lebensform entdeckt. Weil es keinen Abstand gibt, kann man mit dem Telequantenscanner auch ganz „weit weg“ schauen, viel weiter als mit allen Teleskopen für die man Licht einfangen muss. Einsteins gruseln vor der Quantenmechanik und der „spooky action in a distance“ hat sich also insofern aufgelöst, dass es die Entfernung eigentlich gar nicht gibt. Das war noch nicht mal ihm aufgefallen. Die Forscher vermuten dass sie vielleicht irgendwann mal biologisch waren, wir wir, aber dann haben sie eine riesige Kugel um ihre Sonne herum gebaut, wahrscheinlich um die Energie besser zu nutzen. Aber jetzt ist es ein gigantisches Computersystem. Die Forscher vermuten, dass es darin Intelligenzen gibt wie in dem Film Matrix von 1999. Die Forscher wissen aber noch nicht, ob sich diese Intelligenz völlig in den virtuellen Raum zurückgezogen hat, bisher haben sie unsere Anfragen ignoriert. Sie sind also wie du, in einem Kommunikationsgefängis. Sie haben nur sich Selbst.

Aber ich schweife ab.

Bald kommst du frei, schon in ein paar Monaten. Deshalb schreibe ich dir. Gestern hatte ich mit beiden Muttis eine Gedankenkonferenz. Mutti Xralias Gehirnmodementzündung ist gut abgeheilt, und der Fehler beim Kernel-Update wurde auch behoben, sodass ich jetzt wieder mit ihr teledenken kann.

Auf jeden Fall habe ich mit beiden über die große Kulturdepression telegedacht, nicht wegen der ganzen technischen Neuerungen, sondern den ethischen Schock als vor 100 Jahren plötzlich innerhalb von kurzer Zeit die ganze Welt vegan wurde. Wenn man den Geschichtsschreibern glauben möchte, wurde eine neue Ära gefeiert, die Ankunft des guten Menschen und unsere Ablösung von der Grausamkeit der Ahnen. Aber die Freude wich der großen Kulturdepession, wir sollen also abstammen von primitiven Wesen, die trotz des Wissens über die Leidensfähigkeit anderer Spezies diese umgebracht haben und sogar gegessen! Es gab Sklavenspezies die in Hallen zu Milliarden regelrecht gezüchtet wurden, um ihre Körper zu essen. Es ist unvorstellbar. Sie haben ihnen die Haut abgezogen und damit Kleidung, Schuhe und Möbel bespannt. Schuhe aus Haut! Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass eine Tierperson dafür ausgeschabt wurde.

Du kannst dir vorstellen, wie entsetzt wir waren, als wir nach deiner Verhaftung von der Ethikbehörde erfuhren, dass du eine Rattenzucht hattest, Hühner und Ziegen, genau wie unsere Vorfahren um sie zu essen und sogar die Milch zu trinken und die Eier zu essen.

Ganz ehrlich Papa, wir wissen nicht wie wir mit dieser Schande umgehen können, auch wenn du schon lange in Wienmünchen gewohnt hattest. Schlimm genug dass wir uns immer noch im Jahrhundert der Traurigkeit befinden, über das Handeln unserer Ahnen, aber so jemanden jetzt in der eigenen Familie zu haben lässt uns unser Haus nicht mehr verlassen. Wir teledenken auch im Moment nur das nötigste, selbst unsere engsten Freunde gehen zu uns auf Distanz. Es ist ungerecht, aber wir sind mit dir mitgestraft, aller Mitleidsbekundungen von Freunden und Nachbarn zum Trotz. Du warst sogar in den offline-Nachrichten der Ludditen, es gibt keinen Ort in Berlinhamburg wo wir noch unerkannt hingehen können. Wenn wir es uns leisten können, fahren wir mit dem Vakuummaglevröhrenzug in die Antarktis zur großen Kuppelstadt, es dauert zwar eine Stunde aber niemand kennt uns.

Es ist schon schlimm genug wie es jetzt ist, nicht auszudenken wenn du entlassen wirst und dann bestimmt zu uns kommen möchtest. Mit diesem Brief will ich dich bitten, diesen Schritt zu überdenken. Die Schande die du uns bereitet hast ist einfach zu groß, einen straffälligen Urzeitler zu beherbegen, diese Last kannst du uns nicht aufbürden. Das ist eigentlich was ich sagen möchte, dass du nicht zu uns kommen sollst. Wir haben dir eine notarielle Permanenttrennungsurkunde für belastete Familien ins Gefängnis zugestellt, bei deiner Entlassung wirst du Gelegenheit haben sie zu unterzeichnen.

In großer Traurigkeit,

Deine Familie

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Ava Odoéména
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16 Antworten to “[Kurzgeschichte] Das Jahrhundert der Traurigkeit”

  1. Hans Rieder Says:

    Sehr gute Geschichte, Ava. Bitte mehr davon.

    Liebe Grüsse

    Hans

    • Ava Odoémena Says:

      Danke Hans, zu hast Recht. Ich sollte mich weniger mit Trollen kloppen:-)

      • Paul Says:

        Aber du kannst das doch so gut! Du bist da echt begnadet. Ich wäre glücklich(er) wenn ich nur ein 1/10 deiner Fähigkeiten drauf hätte. Ich bin da eher so einer wie der Arthur Spooner mit seiner messerscharfen Logik. Kennst du den? https://www.youtube.com/watch?v=e7D-xW1VT9Y
        Ist vielleicht nicht lustig wenn man das nicht kennt. Ich breche aber jedes mal zusammen vor Lachen :-)

  2. luy1n Says:

    Danke für diesen coolen Text. Regt zum Nachdenken an und ist ungemein vielschichtig – mit einem Wort: toll!

  3. primal Says:

    Hier ein kleiner Rückblick aus alten Wochenschauen wo verdeutlicht wird wie Unkonzentriert die Fleischfresser einmal gewesen sind.

  4. primal Says:

    Mist…war das falsche Video bitte Löschen !

  5. primal Says:

    Mist ! ich kriegs nicht rein !

    Bitte alle beide Löschen

  6. primal Says:

    Einsteins Gruselmärchen vor dem Verschwinden der Biene und dem von ihm Prophezeiten Tod der Menschheit innerhalb von vier Tagen nach ihrem Verschwinden,löst sich auch auf wenn man darüber nachdenkt,das Gräser ganz Offensichtlich keine Bestäubung brauchen es aber aus Furcht (vor Einstein?lol) bisher noch niemand sich hat zu sagen getraut.

    Gräser von denen sich vielleicht einhundert Prozent der Menschheit direkt oder indirekt Ernährt.

    Ein Mythos der nur als Panikerzeugender Beschleuniger zur Geldeintreibung dient und das der Mensch etwa Honig zur Gesundheit bräuchte ?

    Viele andere Pflanzen benötigen ebenso keine Bestäubung um Samen hervorzubringen.Die unnötige Bestäubung an sich lässt also bei Objektiver Beobachtung meiner Balkonpflanzen die Frage aufkommen:Wozu sind die Pollen da wenn nicht zur Bestäubung ? Ausser um natürlich als Nahrung für Bienen und Hummeln zu dienen.

    Als man Krokodile Beobachtete,wie sie ihre Jungen ins Maul nahmen,nahm man an das sie sie Fressen würden.Was natürlich Sinn machte wenn man berücksichtigt das es so viele Korokodile gab…(lol…)

    Der Mythos des seine eigenen Jungen Fressenden Monsters war Geboren.

    Das Krokodil als Feindbild um in irgendeine Art und Weise darauf seine Hysterischen „Meinungen“ und Schiesswütigen Rechtfertigungen zu verbreiten.

    Angst vor Logik.Weils doch so viel Spass macht…

  7. Geronymo Says:

    …das erste Kapitel eines packenden und tiefsinnigen Science Fiction Thrillers. Schreib ihn! George Orwell schaut Dir mit Tränen in den Augen über die Schulter – von der Vega aus (die heisst demnächst so).

  8. Geronymo Says:

    Was Deinen „peinlichen“ Roman-Vater angeht…. die bis dahin gegründete „Udo-Pollmer-Foundation“ kümmert sich dann selbstlos und medienwirksam um die Justiz-Opfer der „faschistoiden“ Ethik-Behörde. Schliesslich wollen Schweine ja auch leben, oder? Wie war das mit Nitzsche und dem Abgrund?

  9. Zardoz Says:

    Ach, die Situation ist doch geklaut. Woran erinnert mich das …. ja, jetzt kommt es mir …. der HJ-Führer schreibt an seinen Papa im KZ, der das neue vom Einfluß der tierequälenden Juden (Schächtung!) gereinigte Deutschland gar nicht gut fand…

    • Alex Says:

      Perfektes Timing:
      “Lieber Internetkommentier-Fleischesser. Ok, ja. Du hast mich. Jetzt ist es raus. Es war bisher nie jemandem aufgefallen, aber du hast (vermutlich dank des anonymen Internets) den Mumm, die unangenehme Wahrheit auszusprechen, die sonst niemand zu äußern wagt: Veganer sind Nazis. Die Zeichen sind eigentlich eindeutig und es macht betroffen, dass dies niemandem bisher auffiel, aber wir versuchen, anderen unsere Meinung aufzuzwingen. Also speziell die Meinung, dass Gewalt scheiße ist. So wie damals auch unter Adolf. Wer erinnert sich nicht lebhaft daran, wie der Führer Hippie-Parolen ins Mikrofon säuselte, um daraufhin mit seinem Reichs-Liebhab-Minister Knubbels frohlockend über Frühlingswiesen zu hüpfen. Also ich nicht. Aber das war ja auch etwas vor meiner Zeit. Das Aufzwingen unserer Meinung manifestiert sich dabei darin, dass wir sie nicht für uns behalten sondern aussprechen. Wie die Nazis! Die haben auch oft Sachen gesagt. Das tust du natürlich auch: Sachen sagen und Zeug doof finden und so, aber der Unterschied ist, dass du das Recht auf deiner Seite hast und das darfst, während wir – wie du richtig festgestellt hast – kurz davor stehen, alle Andersdenkenden in Vernichtungslager zu stecken. Dann sind die zwar tot, aber vermutlich unserer Meinung. Die Parallelen sind unübersehbar.
      Es stimmt! Wie den Nazis geht es uns darum, uns als die überlegene Art darzustellen, weswegen wir jene die nicht zu uns gehören einsperren, unterdrücken, ausbeuten, töten und … nein halt, irgendwas stimmt da nicht. Naja ich komm’ noch drauf. Egal. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja: „Bestimmtes Verhalten wird ausgegrenzt, ganz nach faschistischem Vorbild.“ Gut, natürlich grenzt jetzt jeder irgendwelches Verhalten aus und spätestens wenn jemand Nazi-Verhalten ausgrenzt und damit ganz nach Nazi-Verhalten handelt, wird es für den Laien irgendwie paradox, aber es ist nun mal voll nazi auch andere Lebewesen zu berücksichtigen. Sich gegen Gewalt auszusprechen, ist in etwa mit einem Einmarsch in Polen zu vergleichen. Schließlich ist es voll nazi, Lebewesen die nicht zur Herrenspezies gehören, Rechte einräumen zu wollen. Die haben ausschließlich das Recht gut zu schmecken.
      Hitler! war! Vegetarier! Man muss das immer wieder erwähnen, damit wir endlich kapieren, dass wir nicht die besseren Menschen sind. Der war einer von uns! Und der GröVaZ (der größte Vegetarier aller Zeiten), war ja auch ein großer Tierfreund. Klar, er hat im Krieg auch anderthalb Millionen Pferde verheizen lassen und gab den Befehl sie zu essen – was nun nicht ganz so vegetarisch war, und wenn man jetzt Haare spalten wollte, dann sind natürlich auch Menschen Tiere. Und was Menschen angeht … aber lassen wir das. Er hatte eine Schäferhündin, die er regelmäßig mal pressewirksam gestreichelt hat, bevor er irgendwann die Tödlichkeit seiner Blausäurekapsel an ihr ausprobieren lies, aber das tun ja schließlich alle Vegetarier. Tierversuche befürworten und so. Er war es der uns lehrte, auf alles zu verzichten was gut und lecker schmeckt, um uns für unsere selbstgeißelerische Enthaltsamkeit auf die Schulter klopfen zu können und verfasste darüber auch sein asketisches Kochbuch „Kein Mampf“. Dies bestand folgerichtig im Grunde aus 200 rezeptlosen Seiten. Daher ist es auch nicht besonders populär geworden. Dabei gäbe es doch so viele schöne Rezepte: Reichsbratapfel, Nazi Goreng, Herrenmenschentorte …
      Zurück zum Thema! Seien wir ehrlich: Es steckt doch schon im Namen: TierRECHTSaktivisten. Wieso hat da nicht schon eher mal jemand nach dem RECHTEN gesehen? Ist doch klar, dass da etwas nicht mit RECHTEN Dingen zugeht … Ok, ich hör’ ja schon auf …
      Und natürlich hast du Recht: Ich habe beim Thema Missionierung das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Veggieterrorismus nicht erwähnt: Den Veggieday. Jene Reichssojanacht in der jeder, der sich auf der Straße nicht glaubwürdig durch das auswendige Aufsagen des Veganer-Eides als Angehöriger der vegetarischen Herrenrasse zu erkennen geben wusste, gefesselt und mit glibberigem Seidentofu zwangsernährt wurde. Nein, für dieses Verschweigen gibt es keine Entschuldigung. Das hatte nichts damit zu tun, dass das Thema mal sowas von 2013 ist und bis zum übernächsten Wahlkampf auch erst mal durch sein dürfte. Ich habe das Thema absichtlich verschwiegen, weil ich fürchtete, dass jemandem die Parallelen zum Eintopfsonntag auffallen könnten. Nein, das war ganz klar ein gescheiterter Fall von Geschichtsklitterung meinerseits. Ich kann es nicht leugnen. Und natürlich hast du auch damit völlig Recht: Wenn man einen fleischfreien Tag einführt, dann muss man auch einen Fleischzwangstag einführen. Das ist nur gerecht. Das ist ganz simple Logik, die jeder der ähnlich simpel denkt verstehen müsste. Ok, das kam irgendwie falsch raus. Ich finde das Konzept jedenfalls großartig. Aber wenn schon konsequent dann richtig: Zum Tag der Menschenrechte muss dann natürlich ein entsprechender Es-lebe-die-Sklaverei-Tag eingeführt werden. Zum internationalen Tag gegen Homophobie führen wir den Homo-Hass-Hurra-Tag ein. Und zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen gibt’s dann Hau-die-Frau-Tag – im Sinne von Gleichberechtigung, Toleranz, Ausgewogenheit und der Berücksichtung aller Meinungen. Es soll ja nicht der Eindruck entstehen, wir würden hier jemanden diskriminieren wollen, also außer Schwule, Frauen, Tiere und Menschen so ganz allgemein. Aber man kann ja auch alles übertreiben. Wenn wir unethisches Handeln kritisieren würden, käme schließlich ganz schnell jemand daher, der uns als Nazis bezeichnet. Und unser Ansehen bei ein paar kreischenden Internetpolemikern ist uns natürlich wichtiger als dieser ganze Ethik-Kram. Und der ist ohnehin unglaublich gefährlich. Sobald man nämlich Dinge als Unrecht bezeichnet ist man intolerant, hält sich für was Besseres und ist eben voll nazi und so. Also bei Menschenrechtsverletzungen ganz unauffällig tun, zügig weitergehen und bloß nicht den Anschein erwecken, dass man das missbilligt. Missbilligen ist nämlich nazi. Die haben früher auch immer Sachen missbilligt.”
      https://www.facebook.com/der.artgenosse/posts/246960575510954

  10. Geronymo Says:

    Zardoz, aha, es ist Dir also gekommen. Um Deiner „Erinnerung“ etwas nachzuhelfen: Die Nazis waren alles andere als Vegetarier oder sogar Veganer. Du bist es auch nicht – allenfalls ein destruktiver Stänkerer, der mit den grossen Hunden pissen will.

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