Ist das hier noch Deutschland?

Transatlantiker habens schwer im Moment. Waren sie einst die Vermittler, Lobbyisten und Botschafter der Aktionärseliten auf beiden Seiten des Atlantiks, hat sich seit dem NSA-Skandal einiges verändert. Versteht mich nicht falsch, der gesellschaftliche Nutzen dieser Geld-Subkultur Suprakultur war immer schon genau gegen das gerichtet, wovon sie immer geschwafelt hat: Freiheit.  Neoliberalismus, die Kernideologie der Transatlantiker bedeutet Freiheit von Ethik für die, die noch mehr haben wollen. Der Markt soll alles regeln, also die, die den Markt besitzen denn der Markt besteht aus seinen Akteuren und vor allem den Akteuren die ihn kontrollieren. Der größte Konkurrent in dieser krawattigen Dominanz- u. Kontrollfantasie ist der Staat, der mit seinen Regulierungen die Moralfreiheit der neoliberalen Suprakultur stört. In den USA ist dieser Verdrängungsprozess schon viel weiter fortgeschritten, und so ist die NSA zu sehen als eine Art Söldnertruppe des Freimarkts. Ein privater Sicherheitsdienst der Konzernaktionäre.



„We are’ll living in America, America is wunderbar“
Son of Groucho: ccbyncnd2

So waren die Privatisierungswellen, Erfindung von Hartz IV, Abbau von staatlichen Sozialstrukturen, Abkommen wie TTIP usw. eine brillant geplante Strategie, den Konkurrenten Staat auf Diät zu setzen um ihn dann leichter aus dem Weg räumen zu können. Was für die einen also Vermittler und Botschafter zwischen befreundeten Bevölkerungen waren, bei denen die Transatlantiker sogar einen guten Ruf genossen, das war für die anderen immer schon eine PR mit der die Reichen gegen die staatliche Ordnung agitierten. Wie eine Ordnung aussehen würde, die komplett vom Markt kontrolliert würde, kann man im Kleinformat schon heute in den Unternehmen erleben. Alle die zum Urinieren Erlaubnis einholen müssen, wissen sofort was ich meine.

Und die transatlantische Sache lief wie geschmiert. Es gab Austausch und Reden. Die Konzerne halfen beim formulieren von Gesetzen. Die eleganten Leute liefen in ihren feinen Roben an der Kliffküste auf und ab und winkten nach außen wohlwollend in Richtung Pöbel.  Dann kam Edward Snowden, die Landschaft veränderte sich schlagartig denn ein Stück von der Küste brach ab, hinab purzelten die eleganten Leute. Warum?

Nun, nachdem wir lernen mussten, dass die Bundesrepublik Deutschland politisch eine Art Truman-Show ist, die nur juristisch auf dem Papier existiert, in der die Bewohner das Gefühl vermittelt bekommen, sie lebten in einem eigenen Land; wissen wir seit dem NSA-Skandal dass wir keine Freunde sind, sondern ein Substrat. Deutschland ist aufgrund der tiefgreifenden Überwachung all unserer Regungen durch einen fremden Dienst de facto eine amerikanische Provinz, mit dem Unterschied zu anderen US-Bundesstaaten, dass wir dort nicht wählen dürfen. Mit dem TTIP-Abkommen aber dürften die Konzerne unser gesamtes Gemeinwesen verklagen vor nicht-öffentlichen Gerichten – da geht die Reise hin. Nun mag der eine oder andere einwerfen dass die USA-Bevölkerung ja auch nur eine Wahlsimulation hat, aber wir können noch nicht mal in deren Wahlsimulation mitspielen. Das Image der Transatlantiker leidet unter diesem ganzen Umstand, aus den feinen Botschaftern im edlen Zwirn und devot applaudierendem Publikum sind über Nacht quasi Filzläuse am Anusrand Amerikas geworden. Die die unschöne Aufgabe haben, uns Fürze für frischen Wind zu verkaufen.

Bin ich eine Anti-Amerikanerin? Hm. Ich bin in Westdeutschand unter amerikanischem Kultureinfluss aufgewachsen. Ich spreche amerikanisches Englisch, recht flüssig. Glaubt ihr nicht? OK. Ich kenne die amerikanische Alltagskultur, weiß wie Amis so ticken und so wage ich zu behaupten, nein, ich bin keine Anti-Amerikanerin. Ich will nur demokratische Verhältnisse. Von mir aus, löst die BRD auf, schließt sie offiziell der USA an und macht Deutsch zu einer Regionalsprache und Englisch zur offiziellen Landessprache. I’ll do just fine in such a setup. Aber dann auch bitte komplett mit vollständigem Wahlrecht, Freizügigkeit (freier Wohnortwahl) und ohne Greencard. Ich will eine Social Security Number und einen amerikanischen Pass. Einen amerikanischen Vornamen hab ich ja auch schon. It will be great.

Hallo? Keine Angst, das war Satire. Selbstverständlich will ich von keinem Land okkupiert oder Bürgerin sein, in dem die Todesstrafe praktiziert wird. Ich fühl mich ganz wohl hier. Ich fühl mich ganz wohl als Deutsche, trotz der vielen Schlafwandler. Dennoch, wie viel von dem Land, das wir im Sinne der Aufklärung und der Menschenrechte mit gestalten wollen ist noch vorhanden nach der Causa Snowden und welchen juristischen Status haben diejenigen, die uns nicht vor den Eingriffen eines ausländischen „Dienstes“ konsequent schützen? Wie nennt man das, Hochverrat? Ein massives Eingreifen eines fremden „Dienstes“ auf dieser massiven Skala kommt einem Staatsstreich gleich. Von der kulturellen Verwirrung die es stiftet ganz zu schweigen, und die wird am Ende das größte Problem sein. Denn im Moment sind wir Vertriebene in unserem Land und in unserem Leben. Das dürfen wir nicht akzeptieren.

Creative Commons Lizenzvertrag
Ava Odoéména
(n. verantw. f. Werbeeinblendungen)

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

20 Antworten to “Ist das hier noch Deutschland?”

  1. mimenda Says:

    Englisch als offizielle Landessprache? Widerlich! Noch schlimmer als das amerikanische Englisch der Eingeborenen mit seiner fürchterlich und unnötig exaltierten Betonung (normal sprechende Amis und vor allen AmiInnen gibt es ja kaum noch – alles valley girls and boys) wäre es, laufend Deutsche mit ihrem beschissenen deutschen Akzent Englisch quatschen zu hören. Da kriegt man ja Ohrenkrebs! Englisch als lingua franca hat seine Qualität als Hochsprache faktisch eingebüßt – und zwar auch bei den Eingeborenen. Insofern wäre ich für die Wiedereinführung des Lateinischen! Damit haben wir wenigstens historisch einige Erfahrung.

  2. Klaus Says:

    gefällt mir
    ungewohnt politisch (direkt) {und blog-offtopic}
    gewohnt scharfzüngig
    pessimistisch?

    zum Thema erwarte ich absolut nichts mehr von der herrschenden Kaste … und vom Volk befürchte ich die falschen Impulse (mögl. Rechtsruck oder aber auch Gleichgültigkeit bis Ohnmacht)

    alles wird sich verändern …
    doch werden die Fehler sich wiederholen?
    ich hoffe nicht

    • Ava Odoémena Says:

      Pessimistisch bin ich nur im begrenzten Zeitkontext. Letztendlich leben wir in einer Pseudoziviliation deren „Moral“ darauf beruht, dass jeder jedem eine Waffe an den Kopf hält. Wie beim Sketch mit den Mausefallen wo eine alle anderen auslöst, kann auch die Situation kettenartig eskalieren. Wenn der Mittlere Osten die Auflösung repräsentiert die uns blüht, und Nordkorea die Kontrolle die uns blüht, dann macht diese Gegenwart nicht mehr richtig Spaß.

      Denn unsere Insel schrumpft. Auf der anderen Seite sind die Krisen die größte Chance für den Veganismus überhaupt, weil die vegane Kultur eine echte Alternative bietet zu dem ganzen Kack.

    • Ava Odoémena Says:

      PS: Sachfremd zum Blog ist der Artikel nicht, oder zumindest nur auf den ersten Blick. Eine globale Repressionsstruktur (egal ob gesteuert oder evolutionär) ist total unvegan.

    • Klaus Says:

      dem kann ich im Großen und Ganzen nur zustimmen …
      Pseudomoral: alles, was drei gedankliche ‚Ecken‘ überschreitet, wird von vielen als „zu kompliziert“ angesehen oder gekonnt ignoriert
      Spaß: ach, für Humor ist eig. immer Platz (dann halt für zynischen)
      vegan: ich habe den Eindruck, dass du dies so breit definierst, dass alles Positive damit gleichgesetzt wird … ich mag dieses Gedankenspiel und die damit verbundene Logik/Philosophie, wenn auch ich glaube, dass dies den Begriff etwas übernutzt und letztendlich Einsteigern das Verstehen erschwert

      begebe ich mich dennoch einmal in diese Gedankenwelt, wäre ein freiwilliges Leben über z.B. 2 Tonnen CO2 im Jahr auch unvegan, da es auf Kosten zukünftiger Lebensformen ginge … in der Konsequenz hieße dies, dass in möglichen Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls sich Aussteiger in Form von veganen Commonien zusammen finden müssten, um einen vollends nachhaltigen Lebensstil für sich schneller zu erreichen

    • Klaus Says:

      und zum Thema Gelatine in Computerchips (wie es an anderer Stelle in diesem Blog dir ja entgegen-getrollt wurde) muss ich sagen: ein weiteres Beispiel für die Verwechslung von Idealismus und Perfektionismus (ein klares Relativismus-Ablenkungs-Manöver) … erinnere ich mich richtig an deine Aw., so sind PCs notwendig zur gesellschaftlichen Teilhabe, wobei ein spitzfindiger Fleischesser das ja auch über seinen Konsum sagen könnte – klar wäre das ne Ausrede, aber dennoch verstehe ich den sozialen Druck von vielen (z.B. beim Grillen), die nicht so selbstbewusst sind, wie du und ich

  3. Horny Horst Says:

    Im großen und ganzen kann ich dem Text folgen, allerdings ist das alles noch etwas wirr konstruiert. Es sind schließlich nicht die Amerikaner, die uns das TTIP über helfen wollen, sondern das Kapital bzw. die Kapitalisten auf beiden Seiten des Atlantiks. Aber ich finde es gut, dass der Text ohne das Wort vegan auskommt. Leider fällst du im Kommentarbereich wieder in das alte Muster zurück, dass vegane Ernährung eine Gefahr für den Kapitalismus darstellt, kann getrost bezweifelt werden.
    Wenn ich mir deine Seite und deine Beiträge in diversen Foren so anschaue, kann ich dir nur empfehlen: Zieh mal für ne Weile weg aus Berlin, das bewirkt zuweilen Wunder!
    Liebe Grüße,

    • Ava Odoémena Says:

      Kapital und amerikanische Investmentbanken haben ja auch gar nichts miteinander zu tun…

      Schade dass du Veganismus für eine Diät hälst, anstelle mich aus Berlin herauszulocken schau dich doch lieber mal auf dem Blog um.

      • Horny Horst Says:

        Habe ich nicht geschrieben, jeder Mensch mit genügend Geld kann Aktien amerikanischer Investmentbanken kaufen. Das tun unter anderem auch viele Deutsche, die dieses Geld mit überteuerten Bioprodukten verdient haben.
        Und ja, du hast recht, ich als Veganer halte Veganismus für eine Diät. An deinem Blog sehe ich, dass du das für Politik hältst. Ich finde das außerordentlich eitel.

      • Ava Odoémena Says:

        Huh, Veganer sind schuld an der Finanzkrise wegen den überteuerten Bioprodukten oder wie?

        Veganer, die Veganismus für eine Diät halten sind keine Veganer, sondern Veganköstler. Unabhängig für was du Veganismus hältst, gibts ja auch eine objektive Betrachtungsweise. Selbst auf dem von Antiveganern ständig zerpflückten Eintrag bei Wikipedia steht: „Veganismus ist eine aus dem Vegetarismus hervorgegangene Einstellung sowie Lebens- und Ernährungsweise.“ Und selbst die „Einstellung“ ist als die kastrierte Form von Philosophie, die da rausgelöscht wurde weit mehr als eine Diät. Nun könnte es selbstverständlich sein, dass Wikipedia auch außerordentlich eitel ist. Davon abgesehen ist der Eintrag in der Wikipedia auch eine Fremddefinition, und bei Definitionen schadet der Blick nicht auf die Selbstbezeichung. Die können wir bei der ersten Veganen Gesellschaft in Großbritannien lesen:

        „Veganism is a way of living which seeks to exclude, as far as is possible and practicable, all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose.

        „Veganismus ist eine Lebensart die danach strebt, so weit möglich und praktikabel, alle Formen der Ausbeutung von, und Grausamkeit gegen Tiere für Nahrung, Kleidung oder andere Zwecke auszuschließen.“

        Der Veganismus als eigenständige politische Ideologie gefällt selbstdefinierten Linken natürlich überhaupt nicht, weil sie, wenn überhaupt, Veganismus einen sekundären Wert neben ihrer Hauptideologie zuweisen. Der Konkurrent wird so abgewertet damit er das Heilige nicht schänden kann. Wenn meine Haltung nicht eitel ist, dann muss deine repressiv sein. Da nützt dir auch nicht das Feigenblatt „Ich bin Veganer“.

  4. Ava Odoémena Says:

    Apropos Überwachung: Hier kann man testen, wie einzigartig identifizierbar der eigene Browser ist über die Variablen wie welche Schrifttypen man installiert hat, oder welche Plugins man nutzt:

    https://panopticlick.eff.org/

    Meiner ist leider einzigartig aus 4 Millionen.

  5. Horny Horst Says:

    Keine Ahnung was Lobbypedia schreibt, aber so wie du anderer Leute Aussagen verdrehst (wir erinnern uns, es ging um amerikanische Investmentbanken, nicht um Veganer), hast du einfach einen an der Klatsche. Diese Internetseite ist die CO2-Emission nicht wert, die für den Strombedarf des Servers gebraucht wird (ja ja, Ökostrom). Da kannst du ernährungstechnisch noch so einen ausgezeichneten ökologischen Fußabdruck haben.

  6. Horny Horst Says:

    Ich bitte dich, du könntest meine Mutter sein.

  7. chris Says:

    hallo ave,
    wenn ich den text richtig verstehe, bist du der meinung deutschland sei kein souveräner staat und immernoch unter besatzung? oder verstehe ich dich da falsch?
    lg lars

    • Ava Odoémena Says:

      Aloha Chris,

      Nein, meine Beobachtung bezieht sich nicht auf die Nachkriegsgründung, bzw. die faktische Souveränität nach der Wiedervereinigung 1990, sondern durch die Geheimdienstaktiviäten gibt es de facto einen unsichtbaren Staat der nicht von Vertretern im Parlament kontrolliert wird.

Kommentar anbieten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s